Welterfolg durch Anpassung: Worauf es bei der Lokalisierung von Software ankommt

Jedes Unternehmen, das sich auf dem Weltmarkt behaupten möchte, sollte potentielle Kunden in ihrer Muttersprache ansprechen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese etwa länger auf der Website verweilen und letztendlich dort auch kaufen. Gerade die länderspezifische Anpassung, also Lokalisierung von Website, App und Software birgt so manche Hürden. Mit unserer Lokalisierungsplattform, PhraseApp, haben wir von tausenden Unternehmen gelernt, warum Lokalisierung für den langfristigen Unternehmenserfolg im globalen Markt entscheidend ist. Worauf es dabei ankommt, möchte ich in diesem Beitrag gerne mit euch teilen.

Wie man es nicht macht

Im Frühjahr 2011 waren Wolfram und ich dabei, ein Buchungsportal für ein Start-up in Berlin zu entwickeln. Wir hatten gerade mit den ersten Zeilen Code eines Prototyps begonnen, als unser Investor uns eröffnete, dass die Software binnen eines Monats in 24 Sprachen verfügbar sein müsse. Plötzlich standen wir vor einer Herausforderung, von der wir bis dato wenig Ahnung hatten: Lokalisierung in kurzer Zeit.

Unser neu zusammengestelltes Team war zwar ambitioniert, aber wir waren auch noch etwas naiv. Ein Minimal Viable Product (MVP) für zwei dutzend Märkte gleichzeitig auszurollen, war eine spannende Erfahrung für uns. Es gab viele Situationen, in denen wir uns fragten, ob wir die Anforderungen eines so wichtigen Projektes erfüllen können. Letztendlich begeisterte uns diese Herausforderung jedoch so stark, dass wir beschlossen, uns auf das Thema Lokalisierung zu konzentrieren und unsere eigene Lokalisierungsplattform, PhraseApp, aufzubauen.

Um die Übersetzung des Buchungsportals möglichst schnell über die Bühne zu bringen, nutzten wir alle uns zur Verfügung stehenden Teammitglieder. Vom Country Manager, über professionelle und Amateur-Übersetzer, bis hin zu bilingualen Kollegen – alle wurden mit eingespannt. Diese Herangehensweise sehen wir auch heute noch oft bei Start-ups. Man kommt erst mal mit den Mitteln aus, die man hat.

Gleichzeitig begannen wir mit der Internationalisierung unserer Software. Wir extrahierten Texte aus den Sprachdateien, fügten sie in Excel-Tabellen ein und schickten diese an unsere Übersetzer. Als wir die fertigen Übersetzungen endlich zurück bekamen, mussten sie nun wieder manuell in die Sprachdateien eingepflegt werden … und das für jede Sprache einzeln!

Nach all diesem Aufwand waren die Ergebnisse leider alles andere als zufriedenstellend. Es lag nicht daran, dass unsere Übersetzer nicht gut genug waren oder sich nicht angestrengt hätten. Das Problem war der fehlende Kontext beim Übersetzen. Sie hatten keine Ahnung, wie die Texte im Endprodukt genutzt werden, wo genau sie stehen würden und wie alles schließlich in der Benutzeroberfläche aussieht. Unsere schlichten Tabellen konnten diesen Kontext einfach nicht vermitteln.

Wir überlegten, wie wir es besser machen könnten. Unsere Arbeitsweise an die vorgegebenen Prozesse bestehender Lokalisierungsplattformen anzupassen, kam für uns erst mal nicht in Frage. Vor allem eine Frage bewegte uns: Warum können wir unseren Übersetzern nicht direkten Zugang zu unserer Software geben? Kurzerhand bauten wir einen Prototyp, der das Übersetzen in der Software selbst erlaubte. Unser Ziel war es, die Lokalisierung so nah wie möglich am Entwicklungsprozess stattfinden zu lassen.

In den vergangenen sieben Jahren haben wir von tausenden Unternehmen und Lokalisierungsprozessen nicht nur gelernt, wieso Lokalisierung für den langfristigen Unternehmenserfolg im globalen Markt entscheidend ist, sondern vor allem worauf es bei der Lokalisierung eigentlich ankommt.

1. Funktioniert euer Lokalisierungsprozess?

Es geht vielen Softwarefirmen so wie uns damals. Die Anforderungen an den Lokalisierungsprozess wachsen schnell, Teams werden immer größer und der Zeitdruck steigt. Früher oder später bricht jeder manuelle Prozess zusammen.

Dies sind klare Anzeichen, dass es höchste Zeit ist, euren Lokalisierungsprozess anzupassen:

  • Übersetzungen werden in immer kürzeren Abständen benötigt.
  • Neue Features brauchen mehr und mehr Zeit, um auf den Markt gebracht zu werden.
  • Die Übersetzungsqualität nimmt spürbar ab.

2. Versteht ihr eure Übersetzer?

Die meisten Übersetzungsbüros sind leider nicht auf Übersetzungen von Software spezialisiert. Das heißt, sie müssen erst genau über die Anforderungen an die Übersetzung gebrieft werden, um wirklich gute Arbeit leisten zu können.

Diese Informationen sollten Produktteams für ihre Übersetzer bereithalten:

  • Steckbrief, bzw. Sinn und Zweck der Software
  • Detaillierte Beschreibung der Zielgruppe der Software
  • Ton und Stil der zu übersetzenden Texte
  • Ein Glossar mit produktspezifischen Begriffen, die bei der Übersetzung zu berücksichtigen sind
  • Screenshots, die zeigen, wie Texte in der Software eingesetzt werden
  • Zugang zur Software (jedoch nicht zum Quellcode)

Je besser die Übersetzer das fertige Produkt und seine potentiellen Kunden verstehen, desto besser wird die Qualität der Übersetzung. Darüber hinaus verkürzt sich die Bearbeitungszeit und es muss weniger nachgearbeitet werden.

Am besten funktioniert dies mit einem festen, internen Team an Linguisten, die den Übersetzungsprozess unterstützen. Je nach Unternehmensgröße ist dies aber oft nicht möglich. Eine gute Alternative kann die Zusammenarbeit mit einem Übersetzungsbüro sein, das auf die Übersetzung von Software spezialisiert ist.

3. Genießt Lokalisierung eine hohe Priorität in eurem Entwicklungsprozesses?

Wenn Lokalisierung zu einem festen Bestandteil eures Entwicklungsprozesses wird, bringt das viele Vorteile mit sich. Zum Beispiel können Features in allen Sprachen schneller veröffentlicht werden. Um Lokalisierung und Entwicklung besser ineinandergreifen zu lassen, nutzen viele unserer Kunden dieselben Projektmanagementtools für beide Prozesse. Kanban-Boards eignen sich hierfür besonders gut. Neben der reinen Übersetzung von Texten kann sich die Lokalisierung auch auf das Feature- und Kommunikationsdesign auswirken. Je früher man also damit plant, desto weniger Probleme gibt es später.

4. Sind die zu übersetzenden Texte vom Quellcode getrennt?

Stellt am Anfang sicher, dass ihr alle hart kodierten Strings aus eurem Quellcode in die Sprachdatei eures Frameworks extrahiert. Beginnt am besten mit euren Templates, dazu kommen aber auch Fehlermeldungen und eventuell noch feste Attribute (bspw. Farben oder Größen) in eurer Businesslogik. Für die Suchmaschinenoptimierung spielen auch lokalisierte URLs eine Rolle.

Für die gängigsten Programmiersprachen gibt es mittlerweile viele Open-Source-Tools zum Extrahieren von Strings. Ihr solltet jedoch auch über ein System nachdenken, das eure Sprachdateien danach jederzeit für die Übersetzung zugänglich macht – sowohl für die initiale Übersetzung als auch die kontinuierliche Erweiterung von Features. Es ist dabei keine gute Idee, euren Übersetzern einen direkten Zugriff auf euren Quellcode zu geben – was schief gehen kann, wird schief gehen.

5. Nutzt ihr alle Features eures Lokalisierungsformats?

Vor Kurzem wurde ich gefragt, welche Lokalisierungs-Dateiformate man am besten verwenden sollte. Mein Rat ist: Macht es lieber so einfach wie möglich. Wenn man bspw. die Möglichkeiten von ICU message format komplett ausnutzt, kann dies dazu führen, dass die Teile der Anwendungslogik im Text für die Übersetzer enthalten ist. Das kann für die Übersetzer umständlich sein, denn sie müssen erst lernen, wie man damit umgeht.

Es wird einfacher, wenn ihr die Pluralisierung und Syntax in Übersetzungssegmenten auf ein Minimum beschränkt. Moderne Lokalisierungsmanagement-Systeme ermöglichen es, Sprachdateien über mehrere Plattformen hinweg zu teilen. Zum Beispiel können die gleichen Inhalte für iOS und Android bereitgestellt werden.

Ich würde außerdem dazu raten, Absätze zusammenzuhalten und Sätze nicht zu trennen. Dies bietet Übersetzern automatisch ein wenig mehr Kontext. Beachtet auch, dass Wortanzahl und Satzlänge von verschiedenen Sprachen sehr unterschiedlich sein können. Während englische Sätze tendenziell kurz sind, müssen im Deutschen häufig viel mehr Wörter zum Einsatz kommen, um das Gleiche auszudrücken.

6. Seid ihr auf Unterschiede in Formaten und Längen vorbereitet?

Lokalisierung ist viel mehr als die reine Übersetzung von Text. Eure Software sollte so flexibel sein, dass sie u.a. auch mit unterschiedlichen Zeitzonen oder Währungen umgehen kann. Dies ist ein wichtiger Designaspekt, den Entwickler- und Produktteams frühzeitig berücksichtigen müssen. Von der Wahl der Zeichenkodierung in eurer Datenbank bis hin zur Modellierung von Geldwerten innerhalb eurer Businesslogik – alles sollte wohl überlegt sein. Glücklicherweise verfügen die meisten Software-Frameworks für diesen Zweck über hilfreiche Bibliotheken, was die Anpassung um einiges erleichtert.

Nicht zu unterschätzen sind auch die unterschiedlichen Längen von Sprachen. Google hat einen sehr hilfreichen Guide zur Lokalisierung in Android. Dieser empfiehlt die Verwendung flexibler Layouts, die unterschiedliche Text- und Zeichenlängen ermöglichen. Wir empfehlen unseren Kunden mindestens 20 Prozent mehr Platz einzuplanen. Um es Designteams möglichst einfach zu machen, sich eine andere Sprache im verwendeten Layout vorzustellen, kann man auf Pseudolokalisierung zurückgreifen. Dabei werden zufällige Texte (z.B. Lorem Ipsum) in der Zielsprache eingefügt, die dem Designer einen Eindruck von der fertigen Übersetzung im Layout der Software geben.

7. Nutzt ihr die Möglichkeiten maschineller Übersetzung?

Maschinelle Übersetzungen werden zwar immer besser, aber sie sind noch nicht ganz auf dem Niveau menschlicher Übersetzer angekommen. Oft wird der Kontext nicht erkannt oder der “tone of voice” der Marke nicht genau getroffen. Unser Tipp ist, Maschinelle Übersetzung dann anzuwenden, wenn die Vorteile der Verfügbarkeit einer einfachen Übersetzung die Qualitätsmängel überwiegen. Dies ist meist der Fall bei Übersetzungen in Echtzeit, Prototypen, und für User-Generated-Content.

Die meisten professionellen Produktteams profitieren jedoch davon, wenn sie mit spezialisierten menschlichen Übersetzern arbeiten. Diese können sich schnell auf verschiedenste Anforderungen an Kontext und Markenstimme einstellen. Ein gut aufgestelltes Team kann Lokalisierung ohne lange Verzögerungen erledigen.

Fazit: Lokalisierung ist nicht einfach – aber auch nicht unmöglich

In den letzten Jahren hat sich viel getan in der Welt der Lokalisierung. Moderne Frameworks machen es heute deutlich leichter, diesen Prozess anzugehen. Lokalisierungsmanagement-Systeme wie PhraseApp helfen dabei, die Hürden auf dem Weg zu einem globalen Produkt zu überwinden. Wenn ihr euch frühzeitig Gedanken zum Thema Lokalisierung macht und unsere Learnings nutzt, sind alle Weichen auf Erfolg gestellt.

Am Ende des Tages geht es bei der Lokalisierung um mehr als nur technisch und inhaltlich einwandfreie Texte wiederzugeben. Das oberste Gebot ist, eure Zielmärkte zu kennen und kulturelle Unterschiede innerhalb eurer Zielgruppen zu verstehen. Lokalisierung ist ein Prozess, keine einmalige Aufgabe. Jede neue Sprache und jeder neue Markt, den ihr ansprechen möchtet, fügt neue Anforderungen an das Produktdesign hinzu. Unternehmen, die sich auf dem Weltmarkt behaupten wollen, müssen sich diesen Herausforderungen stellen.

Ihr wollt das Thema Lokalisierung noch vertiefen? Dann haben wir noch einen Veranstaltungstipp für euch: 

Hello World Conference

6. Juni 2019 | Hamburg | phraseapp.com/lp/hello-world

Wie internationale Unternehmen diese Herausforderungen bewältigen können und was Automatisierung durch Künstliche Intelligenz und Maschinelle Übersetzung für die Zukunft von Produktentwicklung bedeutet, wird am 6. Juni auf der ersten Hello World Conference in Hamburg diskutiert. Die eintägige Konferenz, veranstaltet von PhraseApp, richtet sich an Produkt- und Lokalisierungsmanager von Software- sowie Technologieunternehmen, die mehr über die Wirkung von Lokalisierung auf ihre Geschäftsmodelle lernen wollen. Mit ihnen werden sich deutsche und internationale Technologieunternehmen in Paneldiskussionen und offenen Gesprächsrunden austauschen sowie ihre eigenen Best Practices für Lokalisierung teilen.

Der Ticketverkauf hat bereits begonnen. Für die Teilnahme kann man sich hier registrieren.

 

Über Frederik Vollert

Frederik Vollert ist Co-Founder von PhraseApp aus Hamburg. Die Auseinandersetzung mit Unternehmen, die sich global aufstellen möchten, rückte Lokalisierung stark in den Fokus seines Interesses. Gemeinsam mit Wolfram Grätz und Tobias Schwab gründete er 2012 die Übersetzungsmanagementplattform, um Softwareentwicklern, Produktmanagern und Übersetzern bei der Lokalisierung von Software zu helfen. Inzwischen profitieren mehr als 1.300 Firmen weltweit von der Automatisierung ihrer Übersetzungsprozesse und einer kürzerer Time-to-Market.

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