Exploring Experiences for Emerging Technologies – produktbezogen im Gespräch mit Henning Grote

Welche Bedeutung haben neue Technologien wie AI, IoT, AR/VR und Blockchain für die User Experience? Genau zu dieser Frage plant UXcamp-Europe-Mitgründer Henning Grote nach seinem Camp-Ausstieg eine neue Konferenz. Unter dem Titel Exploring Experiences for Emerging Technologies soll im kommenden September März diskutiert werden, wie die digitale Produktentwicklung, die User Experience und unsere Arbeitsprozesse und Methoden sich für neu in den Markt eintretende Technologien verändern müssen.

Was diese Konferenz besonders machen wird, welche Ziele er damit verfolgt und wie er den Abschied vom UXcamp verwunden hat, erzählt uns Henning im folgenden Interview:

 

Hallo Henning, du bist gewiss kein unbekanntes Gesicht in der Deutschen UX-Szene. Magst du dich trotzdem kurz unseren Lesern vorstellen?

Gerne. Die meisten eurer Leser kennen mich wahrscheinlich vom UXcamp in Berlin. 2008 hatte ich das Glück, von ein paar Freunden angesprochen zu werden, ob ich nicht Lust hätte, bei der Organisation eine Barcamps zu helfen. Ich hatte Lust und aus der Idee ist das UXcamp Europe entstanden, dass ich die letzten neun Jahre mit organisiert habe.

Das ist allerdings immer in unserer Freizeit geschehen. Geld verdienen muss ich ja auch und als UXler tue ich das seit 1998. Damals habe ich bei Kabel New Media in Hamburg als Konzepter angefangen, der Begriff User Experience Design war damals noch unbekannt angefangen und mein offizieller Jobtitel auf der Visitenkarte war „Content Developer“.

Seitdem habe in Festanstellung und als Freelancer für Agenturen oder direkt für Unternehmen gearbeitet – hauptsächlich in Berlin, aber auch hin und wieder in Hamburg oder München.

Aktuell bin ich als Teamleiter bei der Büro am Draht GmbH angestellt, die viele UXcamp-Besucher zumindest von den Lanyards kennen werden.

 

Lass uns zum Start auf das UXcamp Europe zurückblicken, sicherlich nicht nur meine Lieblings-UX-Konferenz. Wie war es, das Barcamp zu organisieren und was hat es besonders gemacht?

Oh, das war rückblickend immer toll, auch wenn es während der heißen Orgaphasen auch mal knirschte und man ein paar Flüche herunterschlucken musste. Aber das kennt man ja aus allen Projekten.

Das besondere am UXcamp waren für mich immer drei Aspekte. Der erste und wichtigste: Es gab immer einen intensiven Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe egal, ob du Student, Berufseinsteiger oder gestandener Senior warst. Alle haben mit allen geredet.

Und dann hatten wir das Glück, dass wir schon im zweiten Jahr einen enormen Zulauf von internationalen Gästen hatten und es uns auch in allen weiteren Jahren gelungen war, grob geschätzt einen 50:50 Split an deutschen und internationalen Gästen begrüßen zu können. Jedesmal wenn wir in der Eröffnungssession gefragt haben, wer nicht aus Deutschland kommt und der halbe Saal aufstand, war es ein Gänsehautmoment für uns.

Der dritte Aspekt ist ein rein formaler: Uns ist es gelungen, das UXcamp von ca. 150 Teilnehmer im ersten Jahr auf 550 Teilnehmer zu skalieren. Und das ohne große Probleme im Ablauf. Ob es die Organisation vor Ort war, die Parties oder das Catering – alles hat immer super funktioniert, was enorm zu dem Wohlfühlfaktor des UXcamps beigetragen hat.

 

Nach 9 erfolgreichen Jahren war für dich im letzten Sommer Schluss. Warum? Und wie hat sich das angefühlt?

So schön das UXcamp immer war, die Organisation war immer auch Arbeit. Dadurch, dass wir den Ablauf und das Drumherum zwar behutsam optimiert aber nie grundlegend geändert haben, war es eben auch Routine. Das hat einerseits die Arbeit erleichtert, weil man nicht alles neu erfinden muss, aber Routine bringt auch immer mit sich, wenig abwechslungsreich zu sein. Oder anders gesagt: Ermüdungserscheinungen.

 

In diesem Jahr wirst du in Berlin eine ganz neue Konferenz namens „Exploring Experiences for Emerging Technologies“ veranstalten. Worum soll es da gehen?

In den letzen 2–3 Jahren habe ich mehrmals folgende Situation erlebt: Ein Unternehmen will eine neue Technologie einführen, entweder für neue Produkte und Services oder bestehende in die neuen Technologien migrieren. Dann wird ein Pilotprojekt angestoßen. Dazu wird dann ein externer Technologiepartner an Bord geholt und oft noch weitere Berater für Business Case Modelling und/oder die Gesamtprojektleitung. Das Pilotprojekt läuft in der Regel gut und als Ergebnis purzelt ein funktionierender PoC heraus. Beim Versuch, den PoC in einen skalierbaren MVP zu überführen, scheitern die Projekte aber häufig.

Im Gegensatz zum PoC muss der MVP den Designrichtlinien folgen und sich in die produktiven Systeme eingliedern. Außerdem muss das Projekt dann nach den Standardworkflows sowohl intern als auch mit den gesetzten Dienstleistern umgesetzt werden. Und das kann nur funktionieren, wenn im Unternehmen und auf Dienstleisterseite die neuen Technologien verstanden werden.

Und genau den letzten Punkt möchte ich mit der Konferenz adressieren. Dabei geht es nicht darum, aus einem Produkt Manager oder einem Experience Designer einen Data Scientist zu machen. Aber es geht darum, dass diese den Data Scientist verstehen – nicht nur das Vokabular, sondern vielmehr die Denk- und Arbeitsweisen.

 

Was haben denn so tief liegende Technologien wie Blockchain und Machine Learning mit User Experience zu tun?

Heute sind wir uns alle einig, dass ein UX oder Visual Designer verstehen muss, wie Frontend-Programmierung funktioniert, welche Anforderungen DevOps an die Prozesse stellt oder wie Content für ein CMS aufbereitet sein muss.

AI, Blockchain oder AR/VR stellt uns im Prinzip vor die selbe Verständnis-Herausforderungen, aber wir müssen alle unseren Methodenkoffer prüfen, ob er dafür noch die richtigen Werkzeuge hat.

Technologien formen die Produkte, Services und Lösungen. Damit wir als UX Designer weiter ein Anwalt für den User sein können, müssen wir mit allen reden können, die diese tiefer liegenden Technologien entwickeln.

 

Unabhängig vom Thema, was wird diese Konferenz besonders machen?

Wir wollen versuchen, zwei verschiedene Formate miteinander zu verbinden. Am ersten Tag wird es nur vorausgewählte Speaker/innen geben, die in zwei Blöcken vor- und nachmittags ihre Session halten.

Damit man besser entscheiden kann, welches Thema wirklich interessant und relevant ist, geben alle Speaker erst 5 – 10 Minuten einen kurzen Einblick in ihr Thema. Danach wird es parallele Deep-Dive-Sessions von ein- bis anderthalb Stunden geben, in denen sich kleinere Gruppen dem Thema konzentriert widmen. Jeder Teilnehmer erhält durch die kurzen Talks einen vollständigen Überblick über alle Themen und kann gleichzeitig in die zwei wichtigsten tiefer einsteigen.

Der zweite Tag wird einem Barcamp ähnlich ablaufen mit vier bis fünf parallelen Sessions. Von denen planen wir etwa ein Drittel bis die Hälfte vorher auszuwählen. Die restlichen Slots stehen allen Teilnehmern zur Verfügung, um z.B. spontane Diskussionen oder Workshops zu starten, an Themen vom Vortag anzuknüpfen oder auch einfach mitgebrachte Talks zu präsentieren.

 

Und was sollte passieren, damit du im Nachhinein richtig zufrieden bist?

Der größte Erfolg wäre, wenn mich direkt nach der Konferenz Besucher fragen, ob es im nächsten Jahr eine Neuauflage geben wird. Dann wüsste ich, dass wir viel richtig gemacht haben.

 

Aktuell läuft noch der Call for Speakers, was wünscht du dir da?

Oh, da kann ich mir viel vorstellen. Mein Wunsch ist ja, dass sich aus der Konferenz eine Community of Practice bildet, ähnlich wie es mit dem UXcamp Europe gelungen ist. Damit das klappt, suche ich insbesondere auch Speaker/innen, die Erfahrungen aus der Praxis weitergeben können Das können z.B. CaseStudies sein, gute Workshop- oder Ideation-Methoden oder auch ein Tool, das ausprobiert werden kann. Da es am zweiten Tag auch Session Slots für spontane Sessions aus dem Kreis der Konferenzbesucher geben wird, kann ich mir auch vorstellen, dass ein Thema, das am ersten Tag vielleicht zu kurz kam, am zweiten Tag in einer kleineren Runde noch einmal vertieft werden kann.

 

Zum Abschluss eine allgemeine Frage: Was macht für dich einen guten UX/Tech-Event aus?

Die richtige Mischung aus Inspiration, Austausch und neuen Bekanntschaften – und den Spaß daran, das alles verbinden zu können.

Vielen Dank für das Gespräch, Henning!

 

Exploring Experiences for Emerging Technologies

01.–02. März 2019 | Berlin | exploring-experiences.com

Wer über die Exploring Experiences auf dem Laufenden bleiben möchte oder sich für ein Ticket oder einen Platz als Speaker interessiert, findet alles Wichtige auf der Webseite der Konferenz.

Über Wolf Brüning

Wolf arbeitet als Executive UX Designer in der Abteilung User Experience der OTTO GmbH & Co KG und kümmert sich hier mit seinen Kollegen um Konzeption und Interaktionsdesign der vollständig inhouse entwickelten eCommerce-Plattform des Konzerns. Vor seiner Hamburger Zeit hat Wolf in verschieden Web- und Usability-Agenturen gearbeitet und in Magdeburg Computervisualistik studiert. Wolf ist Mitgründer von produktbezogen.de und kümmert sich neben den Inhalten auch um Design und Technik des Blogs.

Ein Kommentar


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit Absenden des Kommentars stimmst Du der Speicherung deiner persönlichen Daten (Name, eMail-Adresse, Webseite und Nachricht) durch uns bis auf Widerruf zu. Zur Vermeidung von Spam und zur rechtlichen Absicherung wird deine IP für 2 Monate gespeichert. Ebenfalls zur Vermeidung von Spam werden diese Daten einmalig an Server der Firma Automattic inc. geschickt. Zur Darstellung eines Nutzerbildes wird die eMail-Adresse im pseudonymisierter Form an Automattic inc. übermittelt. Wenn du einen oder beide Haken für die eMail-Benachrichtigungen setzt, wird deine eMail-Adresse bei Automattic inc. gespeichert. (Datenschutzerklärung)

Du hast noch viel mehr zu erzählen?

Dann schreib doch einen eigenen Artikel auf produktbezogen.

Artikel vorschlagen →