Digitale Transformation ist wie sportliche Ausdauer
Digitale Transformation vorher nachher

Digitale Transformation: Top 6 Punkte warum Unternehmen scheitern

Digital Transformation ist en vogue. Eigentlich eine tolle Sache. Prinzipiell ist das Ziel einer Digitalen Transformation nämlich Organisationen flacher, autonomer, agiler und kundenzentrierter zu gestalten. Leider haben die Schattenseiten der Digitalen Transformation innerhalb der letzten paar Jahre meiner Meinung nach Überhand genommen. Es scheitern schlicht zu viele Unternehmen an ihren digitalen Tagträumereien. Aktuell ist es vor allem ein vielversprechendes neues Business für Berater und Beratungen aller Größe und Art. Schnell den Nadelstreifenanzug gegen einen Hoodie getauscht und aus dem ehemaligen Prince2 zertifizierten Projektmanager wird ein Design Thinking Facilitator. An den Namen des Unternehmens wird dann einfach noch ein X gehängt, um die Veränderung in die Welt zu kommunizieren. Wäre alles halb so wild, wenn die Digitale Transformation nur funktionieren würde. Ich fände es großartig mehr Unternehmen zu sehen, die auf diese Art und Weise dann großartige Produkte auf den Markt brächten.

Es gibt viel Literatur zum Thema Digitale Transformation. Gefühlt allerdings eher alles aus theoretischer, strategischer Sicht oder mit dem Ziel, die eigenen Beratungsleistungen zu bewerben. Hier deswegen unsere produktbezogene Sicht auf Digitale Transformation direkt aus der Praxis: Digitale Transformation: Top 6 Punkte warum Unternehmen scheitern:

1. Umsatzsteigerung als wichtigstes Ziel

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. – Albert Einstein

Wenn Unternehmen eine Digitale Transformation mit dem Ziel einer Umsatzsteigerung angehen, ist der Kampf schon verloren bevor er begonnen hat. Das Ziel bestimmt immer die eingesetzten Mittel. Es geht nicht darum das Kerngeschäft weiter zu optimieren sondern radikal neu zu denken. Neu denken bedeutet experimentieren. Solche Experimente sind ein Investment und können nicht mittels kurzfristiger Umsatzsteigerung gemessen werden. Damit gerät eine Digitale Transformation sofort in eine Bringschuld. Das eigentliche Ziel der Digitalen Transformation ist es, Organisationen flacher, autonomer, agiler und kundenzentrierter zu gestalten. Hier einen Fortschritt zu messen ist für Unternehmen Neuland und natürlich viel schwieriger messbar als eine Umsatzsteigerung. Die Lösung ist klein zu starten, zu lernen und zu pivotieren. Ausgewählte interne Prozesse zu beschleunigen und maximal zu vereinfachen wäre ein erstes gutes Ziel. Das würde schon genug Schwachstellen aufdecken, die gelöst werden könnten. Dabei sollte schon das Aufdecken von Schwachstellen als gemeinsamer Erfolg zwischen klassischen Unternehmensbereichen und Digital gesehen werden. Umsatzsteigerungen oder Kosteneinsparungen sind dann eine Konsequenz der Transformation aber bitte niemals ihr Ziel.

2. Starre Budgetierung von Transformation

If you allow the status quo to persist, you can’t expect to improve performance, and you can’t expect to win. – Jocko Willink

Organisationen sind in der Regel darauf ausgelegt ihr Kerngeschäft voran zu treiben. Dies geschieht immer noch basierend auf Regeln der tayloristisch geprägten Produktion. Planung und Kontrolle sind das Erfolgsrezept. Es handelt sich um sich wiederholende Tätigkeiten, planbare Wertschöpfung, Effizienz, Stabilität. Allerdings weiß niemand im voraus wie eine Digitale Transformation verläuft. Dies Überfordert  Finanzabteilungen von Unternehmen und die Digitale Transformation muss sich direkt bestehenden Budgetierungs- und Planungzyklen unterwerfen. Kontinuierliche Planung und Budgetierung sind notwendig, um den komplexen Verlauf der Digitalen Transformation zu unterstützen. Klein starten, wenig planen, immer besser scheitern und darauf basierend wachsen. Agile Planung und Budgetierung in einem Unternehmen einzuführen, wäre ein erstrebenswertes erstes Ziel einer Transformation.

3. Digitale Transformation als schnelle Lösung für lange bestehende Probleme

Panta rei. – Heraclitus of Ephesus

Die Notwendigkeit einer Digitalen Transformation bedeutet häufig schlicht, dass das Unternehmen seit Jahrzehnten wichtige Veränderungen und Fortschritt verschlafen hat. Das Unternehmen kann mit der Entwicklung der Welt nicht mehr Schritt halten. Zu viele Unternehmen verlieren den Anschluss an die rasante Entwicklung von Märkten und Entwicklungen. Verpasste Grundlagen müssen erst aufgeholt werden. Unternehmen, die Beispielsweise Agilität bis heute vernachlässigt haben, benötigen eben eine gewisse Zeit um überhaupt entsprechende Grundlagen zu lernen. Nur weil ein solches Vorgehen neu für das eigene Unternehmen ist, ist es noch keine Innovation. Es handelt sich eher um überfälliges Nachholen der eigenen Hausaufgaben. Mit dem Nachholen einiger verpasster Veränderungen und Fortschritte ist die Transformation aber nicht abgeschlossen. Innovative Unternehmen transformieren konstant in die Zukunft und lernen ununterbrochen.

4. Berater statt erfahrene Macher

Leading is done from the front.– Ido Portal

Wie in der Einleitung geschrieben. Digitale Transformation ist big business für Unternehmensberatungen und Berater. Gefühlt ist jetzt jeder Agile, Lean und Design Thinking Spezialist. Eine z.B. Design Thinking Zertifizierung ist allerdings schnell gemacht und wichtige Arbeitserfahrung wird erst in der teuer bezahlten Digitalen Transformation gesammelt. Als Unternehmen, welches die Digitale Transformation beauftragt, ist das ziemlich gefährlich. Eine Digitale Transformation ist so ziemlich die schwierigste Aufgabe im digitalen Bereich und stellt eine vitale Initiative für das Unternehmen dar. Entsprechend wird eine erfahrene digital workforce benötigt, die darüberhinaus noch Change Management beherrscht. Das gilt auch für das Management. Eine Digitale Transformation ohne entsprechende Spezialisten in den Top Führungspositionen ist zum scheitern verurteilt. Hierbei definiere ich Spezialisten als Menschen, die über lange Jahre in diesen  Bereichen gearbeitet und selbst ihre Hände schmutzig gemacht haben. Also am besten Entwickler, Designer oder Produktmanager, die eine Führungskarriere eingeschlagen haben. Am besten jemanden der schon mal bei erfolgreichen Digitalen Transformationen direkt an der Front mitgearbeitet hat. 

5. Keine Veränderung bestehender Unternehmensstrukturen

Start with why customers will never love a company until the employees love it first. – Simon Sinek

Das Kreieren von Silos ist eine Spezialität von Unternehmen. Sobald es einen scheinbar wichtigen Trend gibt, wird daraus eine eigene Abteilung gemacht und an bestehende Unternehmensstrukturen angeschlossen. Beispiele hierfür sind IT, eCommerce oder Data Science. Allerdings handelt es sich beim Thema Digitale Transformation nicht um einen klar definierten Unternehmensbereich. Es gibt z.B. Überschneidungen mit IT, Marketing, Sales und Marktforschung. Diese Überschneidung sorgt mindestens für extrem viele Abhängigkeiten und sehr wahrscheinlich zu Konflikten zwischen dem neuen Digitalen Bereich und den bestehenden Strukturen. Als neuer Unternehmensbereich zieht Digital hier oft den kürzeren, scheitert oder wird zum reinen Dienstleister. Natürlich ist es komfortabel für das Management ein neues Thema einfach als Abteilung an bestehende Strukturen anzubinden. Auf diese Weise kann alles einfach so weitergehen wie bisher nur eben mit dieser neuen Abteilung. Digitale Transformation bedeutet allerdings grundlegende Veränderung auf allen Ebenen und ein in Frage stellen des Status-Quo. Eine Digitale Transformation, bei der einfach alles so weitergeht, ist ein klares Zeichen für einen Misserfolg. Digitale Transformation ist eine horizontale Veränderung über alle Bereiche im Organigram. Eine erfolgreiche Transformation löst Silos als Abteilungsstrukturen auf und schafft funktionsübergreifende autonome Teams.

6. Digitale Transformation als zeitlich begrenztes Projekt

The Kaizen Philosophy assumes that our way of life – be it our working life, our social life, or our home life – deserves to be constantly improved. – Masaaki Imai

Eine Digitale Transformation endet nicht. Es geht nicht darum neue Technologien zu implementieren, weil sie gerade im Trend liegen. Ein Unternehmen transformiert sich nicht nur, weil es eine App entwickelt oder Cloud Technologie nutzt. Es handelt sich um eine stetige Verbesserung, um die Organisation flacher, autonomer, agiler und kundenzentrierter zu gestalten. Deswegen ist es auch schwierig eine Digitale Transformation als Projekt mit festem Ende und Ablauf zu definieren. Es handelt sich eher um eine Denkweise. Es geht um stetige Verbesserung und Weiterentwicklung. Für mich persönlich ist Digitale Transformation eine radikale Manifestation des japanischen Kaizen. Einer kontinuierlichen Verbesserung aller Funktionen unter Einbeziehung aller Mitarbeiter.

Wir brauchen erfolgreiche Digitale Transformationen

Digitale Transformation ist nicht käuflich. Genauso wenig wie sich jemand einfach mehr sportliche Ausdauer kaufen kann. Man kann es nicht outsourcen oder einfach in bestehende Strukturen integrieren. Unternehmen müssen auf allen Ebenen selber tätig werden und dabei ihre Komfortzone verlassen. Digitale Transformation fängt dort an wo die Komfortzone aufhört.

Wie ist eure Erfahrung hinsichtlich Digitale Transformation?  Wir freuen uns über Kommentare und Feedback.

Über Daniel Neuberger

Produkt & Design

4 Kommentare

  1. Frank

    Ja, alle Punkte kann ich unterschreiben. Allerdings ist der Fokus sehr stark auf PM gelegt. Klar, liegt ja auch am Blog ;-) In meinem Unternehmen, bei dem ich die Transformation begleite, ist ein wahnsinnig wichtiger Faktor Skills und IT-Kenntnisse. Da verschiebt sich wahnsinnig viel. Gerade im Betrieb mit den vielen Babyboomern kann ein Smartphone nicht immer bedient werden. Im Office gibt es oft kaum Excelkenntnisse geschweige denn von Analytics. Was bringt es mir wenn ich massiv RPAs einsetze wenn keiner die beaufsichtigen kann? Woher kommen nötige Grundkenntnisse zu UX, IT- und Datensicherheit? Wer kann das alles? Und die paar die alles drauf haben wollen alle Unternehmen haben. Ich vermute dank Fachkräftemangel wird alles nicht so wild werden, wie die Beraterstudien prognostizieren. My 2 cents

  2. Bastian

    Verdammt ^^ Genau zu diesem Thema schreibe ich auch für unseren Blog einen Beitrag.

    Kann dem Autor nur 100% beipflichten. Insbesondere im Mittelstand versuchen viele Führungskräfte das Thema bis Rente einfach auszusitzen.

    Was ich ein wenig vermisse, sind noch mehr Hinweise, an wen man sich besser wenden sollte, bzw. wie man die Probleme angeht. Also z.B. welche externen Dienstleister (z.B. UX-Agenturen) taugen als Unterstützung, wenn eigenes Fachpersonal rar ist (was im Mittelstand meistens der Fall ist, da sich viele einfach keine UX-Digital-Change-Unit hinstellen können, oder einfach keine Leute dafür finden).

  3. Daniel Neuberger Artikelautor

    Hi Frank,
    Danke für deinen Kommentar.
    Ich stimme dir vollkommen zu. Viele Kenntnisse müssen antrainiert werden und Unternehmen konkurrieren um digitale Spezialisten. Schwierige Situation und schwierig für mich hier einen hilfreichen Ratschlag zu finden. Bei Interesse schreibe mir gerne ein paar mehr Hintergründe an daniel (at) produktbezogen.de und falls ich irgendwo wertschöpfenden Input geben kann, mache ich das gern.

  4. Daniel Neuberger Artikelautor

    Hi Bastian,
    danke sehr für deinen Kommentar. Wir freuen uns auf deinen Artikel, lass uns gerne wissen wann und wo er zu finden ist.
    Wir haben für den Artikel auch überlegt eine Empfehlung bezüglich externen Dienstleistern oder auch Einzelpersonen auszusprechen. Allerdings ist so eine öffentliche Empfehlung immer unvollständig und kommt auch immer auf den jeweiligen Kontext des Unternehmens an. Wenn es Beispielsweise um agile Vorgehensweisen und moderne Softwareentwicklung geht würde ich für ThoughtWorks eine Empfehlung aussprechen. Hinsichtlich Design Thinking bin ich ein absoluter fanboy von The Dark Horse in Berlin.
    Bei Interesse lass mich gerne wissen in welchem genauen Bereich und Kontext Unterstützung gesucht wird und ich spreche gerne einige Empfehlungen aus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit Absenden des Kommentars stimmst Du der Speicherung deiner persönlichen Daten (Name, eMail-Adresse, Webseite und Nachricht) durch uns bis auf Widerruf zu. Zur Vermeidung von Spam und zur rechtlichen Absicherung wird deine IP für 2 Monate gespeichert. Ebenfalls zur Vermeidung von Spam werden diese Daten einmalig an Server der Firma Automattic inc. geschickt. Zur Darstellung eines Nutzerbildes wird die eMail-Adresse im pseudonymisierter Form an Automattic inc. übermittelt. Wenn du einen oder beide Haken für die eMail-Benachrichtigungen setzt, wird deine eMail-Adresse bei Automattic inc. gespeichert. (Datenschutzerklärung)