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Das Exkursionsmodell – oder was agiles Produktmanagement und Squash gemeinsam haben

Heuristik und Iteration sind DIE zentralen Prinzipien hinter agilem Produktmanagement, um Komplexität und Unsicherheit in der Produktentwicklung in den Griff zu bekommen. Auf Basis dieser Prinzipien sollte eine Produktentwicklung wie ein Entscheidungsbaum aussehen. Die Anzahl an Iterationen ist dabei abhängig vom Produkt und der Risikoeinstellung, so dass sich Breite und Tiefe der Entscheidungsbäume unterscheiden.

Die Grenzen von Scrum

Der Wert von Heuristik und Iteration im Produktmanagement ist seit langem bekannt, und viele Produktmanager werden für sich in Anspruch nehmen, genau diese Grundprinzipien zu befolgen. Die meisten Produktentwicklungen aber, die ich in der Praxis sehe, sind trotz großer Komplexität und Unsicherheit weitgehend linear. Falls iteriert wird, dann sehr spät im Prozess in Form von Usability- oder multivariaten Tests. Zu diesem Zeitpunkt ist das Konzept schon weit fortgeschritten, so dass nur noch an kleinen Stellschrauben gedreht werden kann. Iteration wird also nur auf der Ebene von Detaillösungen gedacht und umgesetzt:

Ich glaube, dass der Grund für die weitgehend lineare Produktentwicklung zum wesentlichen Teil an der großen Durchdringung von Scrum liegt.

Scrum ist eine tolle Methode, um agil zu arbeiten, hat aber auch klar definierte Grenzen: Scrum geht davon aus, dass es ein existierendes Backlog gibt, das in zeitlich begrenzten Sprints in funktionierende Software überführt und sofort mit Kunden getestet wird, um auf dem Feedback aufbauend wieder die nächsten Sprints zu planen.

Bei Scrum greifen Iterationen also erst sehr spät im Produktentwicklungsprozess, wenn wesentliche Entscheidungen bereits getroffen sind. Die Konzept-Ebene oder der Auftrag noch weiter vorne werden kaum mehr in Frage gestellt.

Das Problem liegt nun nicht darin, dass Scrum als Methode falsch wäre, sondern dass Scrum aufgrund seines großen Erfolgs vielfach als Synonym für agile Produktentwicklung verstanden wird. Schränkt man aber seine Agilität von vornherein durch Scrum ein, kann kein breiter und tiefe Entscheidungsbaum entstehen.

Das Exkursionsmodell

Komplexe und unsichere Produktentwicklungsprozesse müssen nicht nur die Freiheit haben, über alle wesentlichen Schritte hinweg iterieren zu können. Die Entscheidungen, ob Dinge geändert werden, muss fester und regelmäßiger Bestandteil des gesamten Prozesses sein. Neben genügend Zeit muss es einen neutralen Ort außerhalb der Prozessschritte geben, an dem entschieden wird, was als nächstes zu tun ist – und zwar über alle relevanten Entscheidungsparameter und -phasen hinweg.

Ganz ähnlich wie beim Squash, wo die beste Strategie ist, sich nach jedem Schlag wieder auf den zentralen T-Punkt zurückzuziehen, bevor man sich entscheidet, wohin man sich als nächstes bewegt, anstatt blindlings über den Platz zu stolpern, während der Ball unerreichbar in der anderen Ecke landet.

Auf eine Product Discovery mit den grundsätzlichen vier Phasen „Mandat“, „Verstehen“, „Ideenfindung“ und „Testen“ übertragen, bedeutet dies, dass immer wieder ein neutraler Punkt des Reflektierens und Planens außerhalb der vier Segmente betreten wird, um sich dann bewusst zu entscheiden, was der nächste Schritt ist.

Jeder Schritt ist dabei eine möglichst kurze Exkursion mit einem klaren Unterauftrag, bevor erneut kalibriert und entschieden wird. Dabei gibt es keinerlei Beschränkungen, in welcher Reihenfolge und wie oft ein Feld betreten werden kann. Ähnlich wie ein Squash-Spiel ist eine Produktentwicklung eben kaum vorhersehbar.

Mit diesem Exkursionsmodell kann es natürlich weiterhin einen linearen Prozess geben, wenn einmal wirklich alles nach Plan laufen sollte. Weitaus wahrscheinlicher sind aber ganz andere Szenarien, die auch sehr grundsätzliche Rahmenbedingungen der Produktentwicklung verändern können. Hier einige Beispiele:

  • Wir haben das Mandat überhaupt noch nicht verstanden. Wir müssen erneut in das Feld, bevor wir überhaupt konkret loslegen und nächste Schritte planen.
  • Wir haben bei Interviews mit Kunden A etwas gelernt. Das widerlegt eine wesentliche Annahme in unserem Mandat. Wir müssen erneut in das Feld, um das Mandat neu zu kalibrieren (und ggf. komplett in Frage zu stellen).
  • Beim Testen sind wir auf Punkt B gestoßen. Wir müssen erst in weiteren Interviews ein besseres Verständnis dafür bekommen und dann ggf. noch einmal neu in die Ideenfindung gehen, bevor wir weiter testen.

Heuristik und Iteration sind als Prinzipien für die agile Produktentwicklung zu wichtig, um sie mehr oder weniger implizit von einzelnen Methoden wie Scrum bestimmen zu lassen. Das Exkursionsmodell entkoppelt Lernen und Entscheiden von konkreten Entwicklungsprozessen und Methoden und stellt es in den Mittelpunkt des Produktmanagements – genau dahin, wo es hingehört.

Das Exkursionsmodell erleben

Wer das Exkursionsmodell praktisch und räumlich erleben will, kann dies beispielsweise in der Product Discovery Master Class am 26./27. November 2018 in Hamburg tun. Die Anmeldung ist ab sofort möglich – die Plätze sind limitiert.

Über Christian Becker

Christian ist Gründer und Geschäftsführer von productable und unterstützt Teams dabei, aus Ideen erfolgreiche Produkte und innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln. Zuvor hat Christian das Produktmanagement und die User Experience Abteilung bei mobile.de geleitet.

2 Kommentare

  1. Thomas Mendel

    Sehr theoretische Ausführungen zum Thema Produktentwicklung. Eine konkretere Ausführung würde das Verständnis erleichtern. Deutlich wird allerdings der Ansatz des Lean Managements, dass alles im Fluss ist und somit stets neu evaluiert werden muss.


  2. Christian Becker

    Hallo Thomas, was würdest Du dir denn konkret als „konkrete Ausführung“ wünschen? Dann werde ich gerne mal einen ergänzenden Post zum Thema schreiben.


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