Ein Trend schwappt über den Teich: Coaching für Produktmanager

Nicht, dass es in den Staaten schon gang und gäbe wäre… aber es ist ein klarer Trend zu erkennen: Immer mehr Unternehmen holen sich für ihr Produktteam einen Coach. Und dieser Trend schwappt so langsam auch nach Europa. Da ist es an der Zeit, dieses Thema mal zu beleuchten.

Was ist Coaching überhaupt?

Ich habe dafür eine ganz einfache Definition: Ein Coach gibt dir Fragen, ein Berater/Consultant gibt dir Antworten. Gute Coaches fordern ihre Coachees (ja ein komisches Wort…. aber irgendwie gibt es kein Besseres) auf, selbst nach Antworten zu suchen, leiten diesen Prozess aber, in dem sie die richtigen, schlauen Fragen stellen. Außerdem hilft ein Coach oft, bei dieser Suche neue Blickwinkel einzunehmen, indem er dem/der Coachee seine Beobachtungen spiegelt.

Bei Coachings geht es also meist um die Reflexion des eigenen Verhaltens, der Optimierung eigener Kompetenzen oder der Verbesserung der eigenen „Leistungsfähigkeit”. Ein bisschen wie beim Coach im sportlichen Sinne.

Wie läuft ein Coaching in der Regel ab?

  • In der Regel startet ein Coaching mit einer Standort-Bestimmung: Was bewegt den Coachee gerade? Wo drückt der Schuh? Wie ist sein/ihr Umfeld? Was bringt der Coachee an Fähigkeiten mit?
  • Im Anschluss wird ein Ziel für das Coaching festgelegt. Denn in der Regel ist ein Coaching zeitlich begrenzt (sagen wir mal auf 10 einzelne Stunden) und die will man ja möglichst effizient nutzen.
  • Dann erarbeiten Coachee und Coach einen Maßnahmenkatalog und die folgenden Sessions sind dazu da zu überprüfen, ob man dem Ziel näher kommt.
  • Idealerweise findet am Ende des Coachings ein Abschlussgespräch statt, in dem die Resultate des Coachings analysiert werden.

Und wie sieht das jetzt für Produktmanager aus und was kann Produktcoaching bringen?

Ok, soweit die Theorie. Aber was heißt das jetzt für Produktteams? Wobei kann Coaching helfen und was bringt es?

Meiner Erfahrung nach sind die meisten Unternehmen, die ernsthaft digitales Produktmanagement betreiben wollen, mittlerweile an einer bestimmten Schwelle angekommen: Ihnen sind die gängigen Konzepte für gutes Produktmanagement & Produktentwicklung bekannt. Sie wissen was eine Product Discovery ist, haben verstanden warum Kontakt zum Nutzer toll ist, haben kapiert dass dedizierte Produktteams Sinn machen, kennen den Unterschied zwischen Output- und Outcome-Roadmaps, haben die neuesten Bücher zu OKRs gelesen und haben von all diesen Sachen auch schon „soviel wie möglich“ implementiert. Sie sind ganz zufrieden mit ihrer Liefergeschwindigkeit und auch das, was sie an die Kunden als Produkt ausliefern, hat halbwegs Hand und Fuß……. ABER….. und hier ist der springende Punkt…. der einzelne Produktmanager oder vielleicht auch das ganze Produktteam haben das Gefühl, dass das noch besser gehen könnte.

Nur wie? Denn es gibt sie, diese natürlich Grenze über die man ohne zusätzlich Aktivierungsenergie nicht rüber kommt. Man braucht quasi einen Anti-Bequemlichkeits-Booster. Jemanden, der einen sachte aber bestimmt raus schiebt aus der eigenen Komfortzone.

Man braucht einen Anti-Bequemlichkeits-Booster. Jemanden, der einen sachte aber bestimmt raus aus der eigenen Komfortzone schiebt.

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Und genau hier setzt gutes Produktcoaching an! Frei nach dem Motto „ein Auto, in dem man sitzt, kann man nicht anschieben!“ ist es den Teammitgliedern nämlich oft gar nicht möglich, Verbesserungspotenziale zu sehen. Dem Coach aber schon… denn der blickt einerseits von außen auf die Situation und hat andererseits die Erfahrung von anderen Kunden und Unternehmen und bringt damit ggf. nochmal ganz neue Impulse mit.

Ich in meiner Arbeit als Produktcoach halte mich auch nicht immer ganz trennscharf an die Coaching-Definition. Wo es sich ergibt und es Sinn macht gebe ich durchaus auch mal einen Rat oder bringe ein Beispiel, wie andere Kunden die selbe Herausforderung lösen. Das geht in den Bereich der Beratung, hat sich aber als hilfreich erwiesen.

Coaching brauchen nur Looser!?

Ja, das hört man manchmal. Aber in der Tat lassen sich vor allem die guten Leute zu neuen Höhen coachen. Zu diesem Thema will ich auch gar nicht allzu viel schreiben. Barry O’Reilly und Kate Leto haben das nämlich hier schon gemacht: Breaking The Coaching Taboo

Wann macht es Sinn einen Coach einzuschalten?

Bevor du dir überlegst einen Coach zu buchen, schlage ich immer folgende Sachen vor:

  • Frag dich, ob du schon alle nahe liegenden Dinge ausgeschöpft hast. Nehmen wir an, du würdest gerne besser werden in Product Discovery. Hast du es schon mit Büchern, Blogposts und dem Austausch mit Kollegen versucht? Wenn dir wirklich alle Basics zu einem Thema fehlen, ist es vielleicht besser erst mal ein Training zu buchen.
  • Hast du dich schon in der Umsetzung versucht? Du hast dir das Wissen zu einem bestimmten Thema angelesen, aber noch gar nicht versucht etwas an deiner/eurer Arbeitsweise zu ändern? Dann solltest du das erst mal alleine versuchen… mit den Learnings daraus kannst du dann super in ein Coaching starten. (Wenn deine Firma es sich leisten kann, begleitet der Coach natürlich sicher auch diesen ersten Umsetzungsversuch… aber meist ist hier noch kein Coaching nötig)
  • Du weißt was dein Coaching Ziel ist (z.B. “besser werden in Product Discovery”), kennst die Theorie und hast es einmal selbst versucht, steckst jetzt aber fest und denkst: das könnte besser gehen? Dann ist der perfekte Zeitpunkt, dir einige Stunden Hilfe von außen zu holen!
  • Du hast ausprobiert ob dieses “der Coach gibt mir Fragen statt Antworten”-Ding was für dich ist? Das geht, indem du andere bittest, dir zu einer Problemstellung mal keinen Rat zu geben, sondern eine Gegenfrage zu stellen. Oder du kannst mein Kartenset zum Selbstcoaching ausprobieren. Minimaler Invest für erste Coaching-Impulse. Damit könnt ihr mal antesten, ob schlaue Fragen euch überhaupt weiterhelfen oder ob ihr eher so der Typ für ein Training bzw. eine Beratung seid.

Welche Themen bieten sich an für ein Productcoaching?

Hier gibt es eine ganze Reihe von Themen, die sich anbieten. Von “wie kann ich mein Team besser motivieren?” bis “wie priorisiere ich richtig?” – Eine ausführliche Liste dazu findet ihr auf meiner Webseite. Im Übrigen trägt die Seite den Titel „Skype Coaching Sessions“ denn in der Tat kann man, nach einem ersten Kennenlernen Coachingsessions auch sehr gut Remote machen.

Wie findet man einen guten Produkt-Coach?

Leider gibt es dazu keine Liste… In der Regel ist das „word of mouth“. Ihr müsst euch also einfach durch das Netzwerk fragen. Ich will an dieser Stelle niemanden empfehlen weil ich mir die Qualitätsaussage nicht zutraue. Hoffentlich kommentieren aber viele Produktcoaches oder ehemalige Coachees unter diesem Beitrag und machen euch damit die Suche etwas einfacher.

Generell sollte folgende Checkliste helfen:

  • Hat der Coach selbst eine nennenswert lange Zeit als Produktmanager gearbeitet? Ich finde mindestens 5 Jahre sollten da zusammenkommen.
  • Hat der Coach in mehr als einem Unternehmen, auf unterschiedlichen Positionen und an verschiedenen Produkten gearbeitet? Toll ist, wenn auch unterschiedliche Industrien dabei waren.
  • Investiert der Coach selbst in Weiterbildung? Wer Produktcoach wird, ist vermutlich vorher Produktmanager gewesen. Das Coachinghandwerk musste er/sie sich also selbst aneignen. Hier geht es viel um Psychologie, Fragetechniken, Reflexion. Frag doch gerne mal nach welche Coachingmethoden und Tools der Produktcoach denn so zum Einsatz bringt. Vielleicht hat er oder sie ja sogar eine Coachingausbildung?
  • Wie lange arbeitet der Produktcoach schon als solcher? Wie viele Kunden/Coachees hat er schon betreut?
  • Kennt ihr jemand, der mit dem Coach gearbeitet hat oder kann er euch eine Kundenreferenz nennen?
  • Bietet der Coach eine Testsession an? Bevor ihr euch wirklich an einen Coach bindet, solltet ihr ein erstes Gespräch vereinbaren. Meist müsst ihr auch diese erste Stunde bezahlen. Trotzdem ist so das Investment überschaubar und ihr bekommt einen Eindruck, ob ihr mit der Person gerne weiter arbeiten möchtet.

Zusammenfassung

Ob Coaching für Produktmanager das next big thing wird, wage ich zu bezweifeln. Da es sich bei Produktcoaching aber um einen sehr individuellen Ansatz der Fortbildung handelt und durch diese Individualität meist auch große Fortschritte erzielt werden, wird sich dieses Angebot auf Dauer ganz organisch in die Aus- und Weiterbildungslandschaft integrieren.

Irgendwann wird es genauso normal sein „den eigenen Produkt-Coach“ zu haben, wie es heute normal ist, auf eine Konferenz zu gehen oder ein Training zu buchen. Spannend bleibt jetzt natürlich noch, wie die Angebots-Seite sich entwickeln wird: Wo wird man in Zukunft gute Produkt-Coaches finden? Ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird und freue mich bis dahin über eure Erfahrungen und Empfehlungen unter diesen Beitrag. Dann gibt es wenigstens schon mal eine kleine Liste!

Über Petra Wille

Petra Wille ist seit 2013 als freiberufliche Produktmanagerin tätig und arbeitet für Ihre Kunden an neuen Produktideen: immer mit agilen Projektmethoden und meist in internationalen, auch verteilten Entwicklungsteams. Außerdem berät und coacht sie Produktmanager und vermittelt Methoden und Handwerkszeug für ein professionelles, dynamisches Produktmanagement. Neben Ihrer freiberuflichen Tätigkeit ist Petra Wille begeisterte Kitesurferin, schreibt für produktbezogen.de und organisiert die größte, deutsche Produktkonferenz MTP Engage.

5 Kommentare


  1. Inken Petersen

    Danke für den tollen Artikel, Petra.

    Ich erlebe das in meiner Arbeit als Product/UX Coach auch oft, dass viele Produktmanager und UXler tolles Wissen aus Büchern & Trainings & Blog-Artikeln haben und das nicht umgesetzt bekommen. Ein guter Coach kann da helfen – auch für die persönliche Weiterentwicklung.

    Die Grenze zur Beratung ist ein schwieriges Thema. Schließlich wird von Product Coaches viel Fachwissen & Erfahrung erwartet und damit wird man natürlich gerne zum Ratgeber. Ich bin gespannt, wie sich diese Rolle weiterentwickelt. Mir macht die Arbeit auf jeden Fall viel Spaß und ich finde man kann damit gute Effekte für Produkt-Teams und die Coachees erzielen. Besser und günstiger als die üblichen Trainings- und Konferenzbesuche…


  2. Ludwig middendorf

    Ich hadere mit dem Wort Produktcoach. Der coaching-Begriff ist ja nicht geschützt also gibt es allerlei coaches. Modecoach, ernährungscoach, walkingcoach…
    Coaching ist aber eine haltung: fragend, hinterfragend, störend, mit perspektivwechsel und reflektion und mit der einstellung, dass der coachee die Lösung für sich finden muss und wird. Ich habe z.B. viele “agile coaches” getroffen, die eher beratend oder lehrerhaft unterwegs waren. Aber ich kann jedem eine gute fundierte coaching-Ausbildung empfehlen. Ich dürfte eine genießen und das alleine hat meine Haltung und damit auch meine Arbeitsweise geändert. Ich bin kein produktmanager und trotzdem glaube ich, dass ich die richtigen Fragen stellen könnte.


  3. Ewa Scherwinsky

    Danke für diesen wertvollen Post, liebe Petra. Ich kann die Erfahrungen von Inken und Ludwig teilen. Arbeite bereits 2 Jahre agil coachend im OTTO-Konzern und erlebe mich immer in zwei Rollen: als Coach und als Berater. Meine Beobachtung ist, dass viele Teams mit der fragenden Rolle erstmal überfordert sind, weil sie aus streng hierarchischen Strukturen kommen, d.h. ihnen wurde häufig nicht beigebracht, Dinge wie die eigene Arbeit zu hinterfragen. Daher braucht es ganz häufig den Berater. Ich versuche da immer wieder sanft zu stupsen und wäge innerlich ab, wo macht es jetzt Sinn, nur Fragen zu stellen und wo gebe ich klare Empfehlungen. Andernfalls führt das häufig zu Frust in den Teams. So zumindest meine Erfahrung. Wenn ich nebenberuflich Persönlichkeitscoaching in meiner Rolle als Entspannungscoach mache, gebe ich vor allem Raum. Denn jeder Mensch ist individuell und hat sein eigenes Tempo. Das ist ein Aspekt, der sich im Wesentlichen vom Einsatz im wirtschaftlichen Kontext unterscheidet – denn da ist das Coaching per se schon auf Optimierung ausgelegt und zwar meistens in einem zeitlich festgezurrten Rahmen.

    Hier ein kürzlich erschienenes Interview zu meiner Arbeit:
    https://www.otto.de/newsroom/de/kultur/agiles-arbeiten-als-hilfsmittel


  4. Björn-Torge Schulz

    Ich arbeite seit ca. 10 Jahren als Produktmanager und hätte wohl damals angenommen, dass ich nach einem Jahrzehnt in der Rolle mehr wissen werde als zu Beginn.
    Es ist genau umgekehrt. Mit jedem neuen Freelance-Gig, mit jedem neuen Produkt-Feature, mit jedem neuen User-Interview merke ich wie ahnungslos ich bin.
    Mittlerweile gelingt es mir immer besser mein früheres jugendlich-arrogantes allwissendes Ego in den Hintergrund zu stellen und mit dem Beginner’s Mind offen, neugierig, fragend und unvoreingenommen an Aufgaben heranzugehen. Ich fühle mich irgendwie ganz natürlich vom Praktiker, über Berater zum Teilzeit-Coach gealtert. Auch ohne offizielle Coaching-Ausbildung. Das habe ich bisher selbst gar nicht so gesehen, sondern ist mir erst durch das Lesen Deines Artikels, Petra, und das Antworten darauf bewusst geworden. Therapeutisches Lesen und Schreiben! Danke


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