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Mind the Product 2014 – Meine fünf Learnings

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Gut gemachte Konferenzen und Networking-Events für Produktmanager sind ja nach wie vor rar gesät und daher war die Vorfreude auf die diesjährige „Mind the Product„-Konferenz imens. Letzte Woche war es dann soweit und ich fand mich mit 900 Produktmanagern aus 39 Ländern im Auditorium des Barbican Centers in London.

Auf dem Programm standen neun Vorträge, ein Mittagessen, viele Kaffeepausen und nette Gespräche mit ehemaligen Kollegen, freiberuflichen Mitstreitern und frisch geknüpften Kontakten. Wer im Detail in die Konferenz eintauchen will, kann das Protokoll des Tages im Liveblog-Beitrag nachlesen oder noch einige Tage warten, bis die Videos der Vorträge Online zu sehen sind. Ein paar Eindrücke gibt es schon jetzt im Bewegtbild:

Da die Konferenzzusammenfassung schon so schön und vollständig ist, will ich lediglich meine fünf Learnings zu diesem Event mit euch teilen. Außerdem findet ihr am Ende des Artikels die Links auf die Twitteraccounts der Speaker. Falls ihr Lust habt ihnen direkt zu folgen. Nun aber meine fünf Erkenntnisse:

Keine Konferenz für „die Basics“

Die Mind the Product hält sich nicht lange mit den Grundlagen der täglichen Produktmanager-Arbeit auf. Agil und Lean sind der alte Hut der Konferenz und über das Rollenverständnis des Produktmanagers wird auch nicht mehr geredet. Darüber bin ich persönlich sehr froh.
Einzig der Vortrag von Des Traynor beschäftigt sich mit dem allseits bekannten Problem der zuwuchernden Backlogs. „Managing feature creep“ nennt er das und gibt Tipps, wie man ganz praktisch dieser Falle entkommt. Sobald dieser Talk auf Video raus ist lege ich mir den einmal im Quartal auf Wiedervorlage. Nur so als mahnende Stimme.

Neuropsychologie ist auf dem Vormarsch

Was bleibt denn noch, wenn die klasischen Themen von der Vortragsliste verbannt sind? Was ist der neue heisse Scheiss? Wenn man den ersten Vorträgen glauben will, dann ist die Neuropsychologie derzeit das neue Spielfeld der Produktentwickler.

Kathy Sierra sprach in ihrem Vortrag darüber, wie man es schafft Produkte zu bauen, die sich mühelos in den Alltag der Nutzer integrieren und so hilfreich sind, dass alle denken „whoow! Das Ding/App/Service will ich auch!“. Ihrer Ansicht nach gelingt das nur, wenn man schon währen der Produktentwicklung versucht „cognitive leaks“ zu vermeiden. Sie plädiert dafür, den Nutzer so zu sehen wie er ist und ihn in seinem Kontext ernst zu nehmen. Ihn nicht als grinsenden Stock-Foto-Menschen zu sehen sondern zu verstehen welche Reize sein Gehirn zu welcher Zeit zu verarbeiten hat und wieviel Hirnpower dann noch für unsere Produkte übrig ist.

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Dave Wascha dreht anschliessend den Spieß um und schaut statt in die Hirne der Nutzer in die Hirne der Produktmanager. Er sprint über hilfreiche und schädliche Verhaltensweisen, die wir alle in unserer täglichen Arbeit entwickeln („das haben wir schon immer so gemacht…“) und er zeigt Wege auf, wie man aus dem Dilemma herauskommen kann. Nämlich, indem man sich dieser Mechanismen bewußt ist und sich das ständig ins Gedächtnis ruft.

Der Dritte Vortrag in Richtung Gehirn- und Verhaltensforschung kommt von Nir Eyal und beschäftigt sich mit der Frage, wie unsere Produkte es schaffen können so gut zu sein, dass sie beim Nutzer zu einer Verhaltensänderung führen und sich restlos in seinen Alltag integrieren.
Er erklärt Mechanismen wie das „Abarbeitungsverhalten“ das wir alle entwickelt haben, wenn die Apps-Icons unserer Smartphones eine kleine rote Zahl in der Ecke tragen, beschreibt Ansätze um ähnliches mit den eigenen Produkten zu erreichen und stellt gleichzeitig klar: „Am Ende des Tages ist das Manipulation“ und mahnt die Zuhörer zur Verantwortung.

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Wir schauen weiter über den Tellerrand

Wer dachte neuropsychologische Themen seien schon exotisch und hätten mit der Arbeit der Produktmanager wenig zu tun, der wurde mit dem letzten Vortrag des Tages nochmal durchgerüttelt. Denn Genevieve Bell ist Antropologin, arbeitet für Intel und erklärt mir durchaus Hilfreiches. Sie nennt 5 Verhaltensgrundsätze, die sich in der Menschheitsgeschichte so gut wie nicht verändert haben und stellt weitere 5 Aspekte heraus, die seit der industriellen Revolution an Wichtigkeit gewonnen haben aber noch Trends unterworfen sind. Welche das sind findet ihr ebenfalls im Liveblog-Beitrag. Sicher spannend sich diese Liste neben seine aktuelle Roadmap zu legen um zu sehen ob man mit ihnen konform geht oder ob man irgendwo sogar gegen diese Grundsätze verstößt.

Es braucht mehr Mut zu Bauchgefühl, Erfahrung, Menschenverstand und Intuition

Bei einigen der Vorträge habe ich mir etwas an den Kopf gefasst. Zum Beispiel bei dem von Alex Osterwalder. Und bei weitem nicht weil der Vortrag schlecht gewesen wäre. Nein, weil das Publikum sich begeistert hat erzählen lassen was meiner Meinung nach einfach nur gesunder Menschenverstand ist.
Mir scheint vor lauter Methoden, Tools und Tricks dürfen Bauchgefühl, Erfahrung, Menschenverstand und Intuition nicht mehr mit an den Arbeitsplatz! Leider ist dieser Eindruck auch untermauert durch Erfahrungen aus meinen Coachings und Trainings.
Liebe POs… das ist ein Plädoyer für mehr Mut zur eigenen Arbeitsweise! Schaut euch an wie die anderen es machen, erkennt denn Sinn dahinter, zieht eure Schlüsse und arbeitet mit dem was für euch Sinn macht. Bitte wartet nicht darauf, dass euch jemand auf einer Konferenz erzählt, dass man vor dem GoLive eines A/B-Tests notieren sollte, was man für Veränderungen an welchen Parametern erwartet. Und brecht nicht in Begeisterung aus, wenn derjenige für euch dann sogar noch ein Test-Formular vorbereitet hat, in dem ihr brav wie beim Lückentext in der Schule die nötigen Ergänzungen machen müsst. Man!

Es tut so gut mit soviel Gleichgesinnten in einem Raum zu sein

Ich gehe sehr gerne zu UX-Veranstaltungen, zu Service-Design-Runden, Scrum-Tischen und Entwicklerkonferenzen. Punkt. Zusätzlich es ist aber einfach auch mal nett ausschliesslich Produktmanager um sich zu haben und über die speziellen Herausforderungen der Rolle fachsimpeln zu können. Zum Glück gibt es einmal jährlich diese Konferenz und zum Glück gibt es in so vielen Städten mit den ProductTanks auch zwischendurch mal die Chance zu dieser Art von Austausch.

Mein Fazit

Auf jeden Fall ein inspirierender Tag und eine lohnenswerte Konferenz im Produktmanager-Kalender. Außerdem ist London natürlich eine tolle Stadt, die auch dieses Jahr wieder für „nerdiges“ Rahmenprogramm gesorgt hat. Von der Ausstellung „digital revolution“ bis zum Konzert mit Drohnen.
Ihr solltet also jetzt schon mal ein rotes Kreuzchen für die #mtpcon im Kalender 2015 machen und im Frühling euer Ticket buchen!

Die Speaker auf Twitter

  • Kathy Sierra@seriouspony
  • Dave Wascha – Chief Product Officer, Moo.com – @davewascha
  • Nir Eyal – Author & Entrepreneur – @nireyal
  • Des Traynor – Co-Founder, Intercom – @destraynor
  • Irene Au – Operating Partner, Khosla Ventures – @ireneau
  • Fred Destin – Partner, Accel Partners – @fdestin
  • Leisa Reichelt – Head of User Research, Government Digital Service – @leisa
  • Alex Osterwalder – Author & Entrepreneur – @alexosterwalder
  • Genevieve Bell – Director of Interaction and Experience Research, Intel Labs – @feraldata

Über Petra Wille

Petra Wille studierte Informationstechnik (Dipl.-Ing. (BA)) und war zuletzt, nach Stationen bei SAP, Hubert Burda Media und der XING AG bei der tolingo GmbH in Hamburg als “Managing Director” tätig. Seit 2008 arbeitet sie mit agilen Projektmethoden als Product Owner in internationalen, auch verteilten Entwicklungsteams und hat bei tolingo das Produktmanagement aufgebaut und das Unternehmen mit gestaltet. Neben Ihrer freiberuflichen Tätigkeit hält Petra Wille Vorlesungen in “Requirements Engineering” im Fachbereich Angewandte Informatik der DHBW Stuttgart, ist begeisterte Kitesurferin und betreibt den Interior-Blog augenpralinen.de.

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