Konferenz Rückblick – mind the product 2016

Die fünfte Mind the Product Konferenz fand am 30.September im Barbican Centre statt – im Herzen von London. Der von außen recht wuchtige (und hässliche) 80er-Bau ist ein riesiges Kultur- und Konferenzzentrum. Es ist der Sitz des London Symphony Orchesters und beherbergt diverse Konferenzsäle. Die Mind the Product findet im größten Saal statt, der Barbican Hall – und den brauchen wir auch: Es sind dieses Mal über 1400 Teilnehmer. Wieder mehr als im letzten Jahr. Die Gemeinde wächst.

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Die Konferenz richtet sich an „product people” – Menschen, die tatsächlich Produkte bauen. Ein besonderer Fokus liegt auf den Produktmanagern.

Es geht um die wachsenden Herausforderungen, die sich Produktmanagern stellen. Vor allem aber über die Möglichkeiten: Wie können wir alle noch bessere Produkte machen? Und wie können wir dabei auch besser zusammenarbeiten?

Der Rolle des Produktmanagers kommt dabei eine besondere Schnittstellen-Bedeutung zu: Laut Martin Eriksson, dem Co-Founder der Konferenz, vereint das Produktmanagement das Beste aus UX, Business und Technologie.

In seiner Keynote gibt er das Credo „coming together as a tribe” aus; das beschreibt auch schon das Gefühl, das sich unter den Teilnehmern auszubreiten beginnt: eine Verbindung über das Thema Produkt und über alle Irrungen und Wirrungen des täglichen Lebens, jenseits von Branchengrenzen.

Der große Saal freut sich auf zehn Vorträge hochkarätiger Produktmanager aus aller Welt, die einen Einblick geben werden, wie sie es schaffen die besten Produkte zu bauen, welche Erkenntnisse sie gewonnen haben und was die Learnings sind.

Build products people love!

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Redner

Marty Cargan, Partner bei Silicon Valley Product Group

Marty hat sich eingehend mit der Rolle des Produktmanagers beschäftigt. Nach seiner Meinung gibt es hier immer noch einige Verwirrung. Er räumt auf: Nein, wir sind keine Backlog Organizers und auch keine Roadmap Administratoren. Sondern Menschen mit tiefsten Verständnis aller Prozesse und mitmischende Kräfte. Außerdem unterscheidet sich das Produktmanagement wesentlich von anderen Disziplinen: der PM ist nicht der Boss von irgendwem – er muss sein Team überzeugen.

Anhand von sechs höchst erfolgreichen Produkten der letzten Jahre stellt Marty heraus, dass es Mut erfordert, sich für das beste Produkt mit dem größten Kundennutzen einzusetzen. Er erläuterte die jeweiligen Schmerzpunkte und deren Überwindung dank der verantwortlichen Produktmanager für Word V6.1, Netflix, Google Adwords, BBC, iTunes und AdobeCC.

Martys Fazit: Wirklich gute Produktmanager sind smart, kreativ und ausdauernd! Sie bleiben dran und gehen immer wieder zu den Fachabteilungen, um zu überzeugen.

Interessant, dass alle Produktmanager der vorgestellten Cases Frauen sind…

Elisabeth Churchill, Director of UX Google Material Design

Ihre Themen sind Psychologie, künstliche Intelligenz und kognitive Wissenschaften.

Wenn es nach Elisabeth geht, dann sollten sich alle Produktmanager als Übersetzer, Forscher, Richtungsweisende und Geschichtenerzähler verstehen.

Wir sollen unwiderstehliche Stories erzählen, Metaphern und Analogien verwenden, nachdem wir zuvor verstanden haben, wie die Zielgruppe wirklich tickt.

Ihre bevorzugte Methoden dazu sind Tagebuchstudien und Befragungen – gerne auch Begleitung der Personen über eine Woche. Nur so, sagt Elisabeth verstehen wir deren Geschichten, denn sie sind nicht wie wir. Bei der Auswertung der erhobenen Daten geht es darum Muster zu finden, auf denen dann die Usecases aufgebaut werden.

Als Methoden zur besseren Teamarbeit propagiert Elisabeth den Design-Sprint in einem 5-Phasen-Modell (Understand, Sketch, Decide, Prototype, Validate) und berichtet von sehr guten Ergebnissen mit der Thinking-Hats-Methode.

Simon Cross, Produktmanager bei Facebook

Simon hält Produktmanager für Impulsgeber und Überzeuger, die aber leider keine Entscheidungsgewalt haben. Daher rät er allen, die richtigen Argumente parat zu haben.

„Pflastere die Trampelpfade und entschlüssele Nutzerverhalten”

Simon erzählt, wie Facebook zur größten Foto-Sharing-Site wurde: Die Nutzer änderten im Jahr 2005 20-30 Mal ihr Profilbild -pro Tag, um z.B. ihr Mittagessen zu teilen.

So war das Ganze nicht gedacht, aber man überlegte und öffnete die Wall für Bild-Posts samt Personen-Tagging. Dann kamen die Cover-Fotos (Hintergrund-Bilder für das persönliche Profil). Das verursachte, dass das Profil-Foto weniger häufig geändert wurde, aber noch nicht komplett. Bis das Team endlich dahinter kam, dass man eine temporäre Änderung brauchte – das Feature „temporary profile pic” war geboren. Der „pridify“-Look (Regenbogen-Overlay) wurde 26 Millionen Mal genutzt. Mittlerweile gibt es die „profile picture frames”, mit denen man temporär seine Unterstützung für ein Thema kundtun kann.

Zum Ende rief Simon zur Lese-Offensive auf: Seid Bücherwürmer! Und zwar nicht nur silohaftes Fachbuch-Lesen, sondern lest aus allen Bereichen. Denn: Inspiration kommt von überall her!

Alison Coward, Buchautorin und Gründerin von Bracket

Alisons Thema ist Collaboration – sie spricht darüber, wie man effektive Workshops konzipiert und durchführt, und wie Produktmanager sicherstellen können, dass ihre Teams gut und effektiv zusammenarbeiten können.

Ihre 5 Tipps für effektive Workshops:

  1. Plane Zeit ein, in der jeder für sich denken kann
  2. Trenne divergente und konvergente Methoden strikt
  3. Schaffe einen Raum für produktiven Konflikt
  4. Brainstorme nur in 15 Minuten Slots
  5. Denke an das Follow-Up (was passiert weiter?)

Jenseits der ganzen Collaboration, die gut und wichtig und richtig ist, stellt Alison klar, dass wir ebenfalls Zeit brauchen, ganz für uns alleine zu denken und zu machen.

Ihr Dreiklang dazu lautet Individuum/Team/Projekt – in dessen Mitte befinden wir uns.

Alison war übrigens die einzige, die so verdammt schnell gesprochen hat, dass es auch den Native Speakern schwer fiel, ihr zu folgen. Schade, aber vor allem verwunderlich, denn das Mitnehmen der Zuhörer sollte doch gerade ihr besonders wichtig sein.

Hab mir ihr Buch gekauft (Effektive Workshops) – das lese ich in Ruhe 😉

PS: Gibt’s auch als ebook: http://bracketcreative.co.uk/book/

Tim Harford, Verhaltens-Ökonom und Autor

Schwierige Umstände und Widerstände machen uns kreativ – so Tims These.

Diese trug er sehr ausführlich anhand der Geschichte von Keith Jarrett’s Köln Konzert aus dem Jahre 1975 vor. Keith Jarrett fand ein Piano vor, dass verstimmt und einfach unter seiner Würde war. Er hatte zwei Möglichkeiten: divenhaft abzurauschen oder das unspielbare Piano zu spielen. Er tat Letzteres und entlockte diesem Instrument überirdische Musik. Das Köln Konzert Album wurde die meistverkaufte und bekannteste Veröffentlichung von Keith Jarrett.

Sein Tipp für alle anwesenden Produktmanager: Kippt ein bisschen Zufälligkeit und Unordnung ins Team, beispielsweise durch vollkommen fremde Personen.

Oder verwendet die von Brian Eno und Peter Schmidt in den 70ern erfundenen Oblique Strategies Karten – die bringen Leben in die Bude.

PS: Gibts auch als App.

Jeff Gothelf, Autor von „Lean UX”

Die „Lean”-Prinzipien von einem StartUp zu überführen und zu skalieren, stellt eine besondere Herausforderung dar.

Laut Jeff geht es nur, wenn die Prinzipien skaliert werden und nicht die Prozesse. Das bedeutet aber wiederum eine Rückbesinnung auf die Grundsätze, wie z.B Lernen im Team und radikale Transparenz (in dem alle Daten für alle zugänglich sind).

Sein Appell an die Teilnehmer: „Seek out the shit Umbrellas” – sucht einen sicheren Ort für eure Teams!

Lisa Long, Telenor

Was bedeutet es ein existierendes Produkt in einem fremden Markt, einem anderen Land auszurollen? Lisa erzählt von lustigen bis erschreckenden Fails. Zum Beispiel, dass ihr Mitbringsel zum Brunch (Champagner) in Norwegen die Frage aufwarf, ob sie wohl ein Alkoholproblem hätte. Wohingegen das selbe Mitbringsel in Großbritannien als überaus angemessen angesehen wird.

Ihre Warnung: Jedes Produkt ist auf seine Weise im kulturellen Kontext verankert. Und: nicht alle Probleme, die ein Produkt lösen soll, existieren überhaupt in anderen Ländern! Lisa fordert auf, sich eingehend mit den sozialen und kulturellen Konventionen zu beschäftigen: Kümmert euch um’s Interface (Farben, Iconografie), kennt eure Daten und kennt vor allem das Problem selbst!

David Cancel, CEO und Co-Founder bei Drift

Davids Vortrag dreht sich um den Kunden. Er appellierte an alle: „Hört auf den Kunden” – sonst passiert Schreckliches.

Also, reinhören in den Kunden und vor allem auf die Art der Fragestellungen achten. Danach klassifizieren sich nämlich die drei Problem-Ebenen. Davids „Spotlight Framework” trennt zwischen

  1. UX-Problem-Fragestellungen („wie mache ich…?”, „Was passiert, wenn ich…?”, „Ich habe versucht…”)
  2. Marketing-Themen („Könnt ihr…?”, „Wie unterscheidet ihr euch von…?”, „Warum sollte ich euer Produkt verwenden, um…?”)
  3. Positionierungs-Themen („Ich bin vielleicht nicht eure Zielgruppe, aber…”, „Bestimmt irre ich mich, aber ich dachte…”).

Dabei geht es David nicht um den großen Wumms, die radikalen Veränderungen, sondern um die kleinen Änderungen, die die Probleme der Nutzer lösen. Sie wissen das zu schätzen.

Donna Lichaw, Autorin und Produktmangerin

Zuerst kommt die Story! Das ist Donnas Mission. Sie möchte Produktmanagern helfen, bessere Produkte zu bauen, die ihre Nutzer fesseln (im positiven Sinne).

Der Kunde ist (wie in einem Film) Held der Geschichte – sein Problem wird gelöst, alle sind glücklich.

Warum nur das funktioniert? Der Mensch hat ein Storytelling-Gehirn – so tickt er, so kann er Informationen in der Zeit verarbeiten. Die Geschichte gibt Struktur – sie webt sich im besten Fall durch alles hindurch: Vom Unboxing des Produkts, über das Userinterface bis hin zu jedem einzelnen Userflow des Produktes.

So einfach. So schwer.

Jeff Veen, Design-Partner bei True Ventures

Jeff kann aus vielen Erfahrungen schöpfen, seine Wege führten ihn u.a über Wired Online, Adaptive Path und Adobe. Aus seiner Sicht ist es essentiell, eine Creative Culture zu etablieren: Nur in diesem Umfeld können wirklich gute Produkte entstehen.

Die wichtigste Grundvoraussetzung dazu ist die Psychologische Sicherheit: Jeder im Team darf sich sicher fühlen, das zu sagen und zu denken, was er für richtig hält. So kann jeder gelassen und entspannt und doch fokussiert seinen Beitrag leisten.

Einige Routinen, die Jeff etabliert hat und für gut befindet:

  • Das Standup als gemeinsamer Start in den Tag – natürlich ohne Diskussion und ohne Problem-Lösungen zu entwickeln.
  • Die Product Review – Teilnahme ist optional, Sich-Einbringen ist Pflicht. Hier werden keine Meinungen geäußert und divergente und konvergente Prinzipien voneinander getrennt.
  • Das AntiMeeting bzw. Group Chat – informelle Kommunikation ist schneller, direkter und zeitsparend. Außerdem wirken animated gifs oft Wunder 😉

Fazit

Eine inspirierende Konferenz mit wirklichen Take-Aways der allesamt eloquenten Redner.

Wer netzwerken möchte, hat es hier leicht. Die Organisatoren schaffen eine gelöste Atmosphäre mit Raum zum Austausch.

Dabei ist das Ganze perfekt durchorganisiert (Badges am Vortrag abholen; Helfer in MTP-Shirts, die den Weg zur Afterparty säumen) und das Catering in Pausen und zum Mittag exzellent (sogar mit veganer Salat-Bar). Den perfekten Abschluss bildete die tolle Afterparty im „The Fable” auf drei Etagen (mit Drinks und leckerem Buffet) zum Austausch von Eindrücken und Netzwerken als Ausklang eines eindrucksvollen Tages.

Fürs nächste Mal: Da werde ich schneller sein bei der Anmeldung zu den Workshops am Vortag.

Mind the product, ich komme wieder!

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Über Christiane Brink (Gastautorin)

Christiane Brink ist geschäftsführende Gesellschafterin von brink & martens in Hamburg. Mit ihrem Team sorgt sie seit 10 Jahren für bessere Produkte und Anwendungen. Sie brennt für gute UX und war schon immer an der Schnittstelle zwischen Design, Konzept und Technik unterwegs. Möglichst komplex soll es sein, sonst macht es ihr keinen Spaß. Zu ihren Aufgaben als Chefin zählt sie besonders, gute Bedingungen für die Zusammenarbeit im Team zu schaffen. Sie lässt sich aber auch nicht nehmen bei jedem Projekt Hirnschmalz und Kreativität beizusteuern.

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