Der deutsche Maschinenbau und Usability – „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Usability und User Experience für digitale Consumer Produkte kann man inzwischen schon fast als alten Hut bezeichnen. Nicht erst seit Apple mit seinen durchdachten Lösungen gezeigt hat, was gute Usability und eine begeisternde User Experience ausmachen, ist das Thema in aller Munde. So ist es längst Usus, dass beispielsweise bei Onlineshops ganze Teams von Designern und Usability Experten das Shoppingerlebnis der Kunden optimieren. So wird gezielt an der Conversion-Rate-Schraube gedreht und damit der Umsatz und Erfolg des Shops direkt beeinflusst.

Doch wie wird das Thema in der deutschen Industrie gesehen? Für wie wichtig halten Maschinenhersteller die Usability ihrer digitalen Steuerungen? Legen sie Wert darauf, dass ihre Maschinen zum Schleifen, Bohren, Schweißen, Füllen und Messen von Werkstoffen intuitiv benutzbar sind oder sogar mit einem besonderen Nutzungserlebnis begeistern?

Mit dieser Frage beschäftigen wir uns als Interface Design und Usability Agentur schon seit einiger Zeit. Ein nicht unerheblicher Teil unserer Stammkundschaft kommt aus dem deutschen Maschinen- und Anlagenbau. Deshalb liegt uns die Branche und ihre Sicht auf das Thema Usability am Herzen.

Im vergangenen Monat waren wir als Vortragender auf einer Veranstaltung zum Wissensaustausch von Maschinenherstellern unterwegs. Die Teilnehmer waren allesamt Hidden Champions in der Herstellung von Fertigungsmaschinen in einem bestimmten Technologie-Zweig. Naturgemäß drehte sich die Veranstaltung deshalb auch um den technologischen Fortschritt der Branche. Uns als Usability-Experte kam eine gewisse (vom Veranstalter beabsichtigte) Exoten-Rolle zu.

Wie haben die Teilnehmer dieser Veranstaltung auf unsere Vorstellungen zu Vorteilen und Nutzen von gezieltem Usability Engineering reagiert? Wie sieht die Branche allgemein Usability und wie kann man sie davon überzeugen, dass es sich lohnt, die Usability ihrer Steuerungen einmal genauer (mit einem Experten) unter die Lupe zu nehmen?

Um das zu verstehen muss man sich zunächst ein wenig genauer anschauen, wie der deutsche Maschinen- und Anlagenbau eigentlich tickt.

Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau: eine Branche mit Tradition

Der Großteil des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus gehört zum Mittelstand. Die Firmen haben meist wenige Hunderte bis einige Tausende Mitarbeiter und sitzen irgendwo in der deutschen Provinz. Bei den Produkten der Branche handelt es sich fast ausnahmslos um extrem teure Investitionsgüter – die Preise für einzelne Maschinen liegen oft im sechs- oder siebenstelligen Bereich.

Das zentrale Verkaufsargument für diese extrem teuren Produkte ist in den meisten Fällen die technische und funktionale Exzellenz. Irrelevant welche Aufgabe auch immer von den Maschinen erledigt wird – wenn sie von einem Hersteller aus Deutschland kommen, erfüllen sie ihre Aufgabe oft besser. Das kann z. B. heißen, sie sind genauer, schneller, fehlerfreier, benötigen weniger Rohstoffe oder sind effizienter. Damit gliedert sich der Maschinen- und Anlagenbau lückenlos in die „Made in Germany”-Tradition des deutschen Mittelstandes ein.

Vor diesem Hintergrund vermittelt auch das Äußere der Maschinen genau dieses Qualitätsversprechen. Ein hochwertiges Design der Gehäuse vermittelt Wertigkeit.

Wenn man sich die digitalen Steuerelemente anschaut, ändert sich das Bild dagegen schnell. Diese basieren oft noch auf einem sehr alten Windows-/Linux-System und wirken alles andere als hochwertig. Touch-Bedienung findet zum Beispiel erst nach und nach Einzug. Sehr schön illustriert wird das durch eine Bildersuche mit dem Stichwort „Maschinensteuerung”:

Die meisten der Bedienoberflächen werden von Softwareentwicklern oder Ingenieuren erstellt, die die Maschinen selbst entwickeln. Die Bedienung ist dementsprechend komplex und mit sehr hohen Einstiegshürden verbunden. Gleichzeitig haben Bedienfehler zum Teil gravierende Folgen (teure Rohstoffverluste, Zeitverzug, Beschädigungen an Maschinen) und qualifizierte Bediener werden immer weniger (Stichwort Fachkräftemangel).

Vor diesem Hintergrund sollte man meinen, der Ausgangspunkt um über die Usability der Steuerungen nachzudenken ist gut.

Unsere Strategie zur Überzeugung: konkrete Mehrwerte von Usability Engineering

Langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass der erste Schritt zum Verständnis von möglichen Mehrwerten und Nutzen in den Grundlagen liegt. Deshalb steigen wir bei Vorstellungen wie auf der oben genannten Veranstaltung meist mit einer kurzen Erläuterung ein, was wir unter Usability verstehen und worauf die Erkenntnisse darüber beruhen. Allein die Nennung der DIN ISO 9241 führt dabei meist zum ersten wohlwollendem Nicken.

Im nächsten Schritt erläutern wir, dass das Methodenset aus dem Usability Engineering Branchen- und Anwendungs-übergreifend einsetzbar ist. Das heißt, unsere Usability Consultants können mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung, sowohl die Steuerung einer Vakuumfüllmaschine optimieren als auch eine Wissensmanagementsoftware aus der Verwaltung überarbeiten. Gleichzeitig grenzen wir uns damit gegen klassische Werbe- und Marketingagenturen ab, denn diese sind meist das Erste, was Branchenvertreter im Kopf haben, wenn man das Stichwort Design nennt.

Im nächsten Schritt illustrieren wir möglichst messbare Vorteile von Usability mit Beispielen aus unserem Agenturalltag. Wir erläutern zum Beispiel, dass eine gute Usability der Steuerung zu mehr Effizienz bei der Benutzung der Maschinen verhilft. Das kann sich in einem insgesamt höheren Durchsatz der Produktionsstrecke, in dem die Maschine eingesetzt wird, äußern.

Konkretes Beispiel gefällig? Bei einem unserer Kunden wurde der Wechsel zwischen verschiedenen herzustellenden Produkten als zeitkritischsten Schritt identifiziert. Der Produktwechsel findet mehrmals täglich statt und kostet jedes Mal viel Zeit, weil Parameter an verschiedenen Stellen der Steuerung jeweils händisch angepasst werden mussten. Das haben wir gelöst, in dem wir einen aktiven Produktwechsel-Assistenten entwickelt haben, der die Parameter für verschiedene Produkte speichert und voreinstellt. Der Assistent erkennt proaktiv anhand der Konfiguration der einzelnen Maschinen in der Produktionsstrecke, welche Produkte und damit Parameter im nächsten Durchlauf sinnvoll sind und bietet diese als Voreinstellung an.

Der Produktwechsel-Assistent: proaktive Unterstützung spart Zeit.

Der Assistent sorgt so mehrfach am Tag dafür, dass Interaktionen mit der Steuerung eingespart werden. Es können weniger Fehler beim Einstellen der Parameter gemacht werden und insgesamt kann der Betrieb effizienter erfolgen.

Ein weiteres Beispiel für mehr Effizienz in der Nutzung: die Vereinigung mehrerer manueller Steuerelemente in einer zentralen digitalen Steuerung, die sich der aktuellen Situation anpasst. Diesen Weg sind wir mit einem unserer Kunden der Landmaschinen–Branche gegangen.

Ausgangssituation mit Schalterlandschaft (links) und neue digitale Steuerung (rechts)

Auf diese Art und Weise gehen wir also auf Effizienzgewinne, aber auch auf die Verringerung von Pflegeaufwand und Nacharbeiten wegen überraschender Kundenwünsche, auf weniger Service-Aufwand wegen Fragen und Problemen bei der Nutzung, auf eine höhere Kundenbindung durch Einbeziehung im Überarbeitungsprozess und so weiter ein.

Reaktionen der Branche

Im ersten Schritt wird das Thema Usability insgesamt und die nachweislichen Vorteile durchweg positiv bewertet. Viele unserer Gesprächspartner erkennen, dass die Thematik aktuell ist – vermutlich gerade weil im Consumer Bereich so viel darüber berichtet wird und man am eigenen Leib schnell spürt, was gute Usability ausmacht, wenn man abends auf der Couch das iPad in der Hand hält und darüber im Lieblings-Onlineshop stöbert.
Wenn man dann im nächsten Schritt versucht, mit Industrievertretern genau diese Argumente auf die eigenen Maschinen und deren Steuerungen zu übertragen, werden die Hürden schon größer. Es scheint nicht ganz einfach zu sein, die Betriebsblindheit der eigenen operativen Geschäfte abzulegen und mal „von außen” auf das Potential zu schauen, dass sich an der Stelle noch bietet.

Ein oft falsch verstandener Teilaspekt ist die Einbeziehung der eigenen Kunden und Nutzer. Wir als Verfechter eines nutzerzentrierten Prozesses verstehen uns natürlich als „Anwalt der Nutzer” und versuchen sie so eng wie möglich in den Optimierungsprozess einzubeziehen – mit den richtigen Methoden. Die erste Antwort aus dem Bauch heraus lautet dann meist „aber wir sprechen doch schon mit unseren Kunden”. Das stimmt meist auch. Der Großteil der Maschinenbauer pflegt exzellente, enge Beziehungen zu ihren Kunden. Neue Funktionen werden teilweise zusammen entwickelt. Die Zusammenarbeit auf der Ebene von Funktionen und technischen Anforderungen ist eng und partnerschaftlich. Zum Teil werden Sonderanfertigung speziell für den Einsatz bei einem Kunden gebaut. Es lohnt sich jedoch, genau hinzuschauen: Nutzer und Kunden sind nicht als Synonym zu verstehen. Oft wissen die Maschinenhersteller nämlich nicht, wer genau am Ende an ihren Maschinen steht. Dabei verbergen sich oft genau hier die spannendsten Insights.

Abgesehen davon kann sich eine enge Kundenorientierung auch schnell zum Nachteil für die Maschinensteuerung umkehren. Neu angefragte Funktionen an den Maschinen führen auch zu neuen Elementen in der Steuerung. Diese werden dann meist dort ergänzt „wo Platz ist”. So wächst die Oberfläche immer weiter, wird komplexer und immer schwerer zu bedienen.

Ein weiteres Argument, dass uns oft entgegengebracht wird, ist die Aussage „unsere Nutzer sind Experten – die wissen was sie tun.” Das stimmt sicher. Die Maschinenbediener, Vorarbeiter, Schichtleiter etc. in den Fabriken verfügen fast ausnahmslos über tiefes Spezialwissen in ihrem Gebiet. Aber auch Fachkenntnisse und Expertise schützen nicht vor Bedienfehlern und helfen schon gar nicht bei ineffizienten Klickwegen und unübersichtlichen Oberflächen.

Ein weiterer Vorbehalt ist das Argument „bei uns funktionieren Ihre Methoden nicht – unsere Maschinen und ihre Anwendungen sind so komplex, dass Sie sich da eh nie einarbeiten können”. An der Stelle wird die Rolle verkannt, die wir in dem Prozess spielen. Das Wissen über die Anwendung, die technischen Zusammenhänge und Hintergründe kommt ja nicht von uns als Usability Experte, sondern von unseren Kunden selbst oder noch besser von den Nutzern. Hier kann man nur immer wieder betonen, dass eine Usability Optimierung eine Teamarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen ist.

Welche Auswege kann es geben?

Es stellt sich also die Frage, wie über die oben geschilderte Argumentation hinaus in der Industrie der Stellenwert von Usability wachsen kann. Denn selbst wenn die herausragenden Funktionalitäten und technischen Leistungen als Verkaufsargument heute noch ausreichen, in Zeiten von internationalem Wettbewerbsdruck wird der Vorsprung des deutschen Maschinenbaus auch hier kleiner. Statt mit viel Energie das letzte Quäntchen aus der Technik herauszuholen, könnte die intuitive Bedienbarkeit eine Alternative sein, um sich im Wettbewerb abzusetzen.

Ein Weg, den wir in der Vergangenheit schon erfolgreich gegangen sind, ist der Fokus auf die visuellen Aspekte guter Usability bzw. guten Designs. Eine Bedienoberfläche, die modern/hübsch/chic oder sogar „sexy” ist, erkennt man auf den ersten Blick. Dementsprechend sind Unternehmen auch oft bereit, in einen positiven Ersteindruck zu investieren. Leider greift diese Argumentation für eine tiefgehende konzeptionelle Überarbeitung zu kurz. Ein effizientes Bedienkonzept mit kurzen Klickwegen erkennt man leider nicht zwingend auf den ersten Blick.

Um an der Stelle anzusetzen, könnte man versuchen mit Schulungs- und Coachingangeboten für das nötige Verständnis zu sorgen. Der Weg ist für ohnehin interessierte Branchenvertreter auf jeden Fall möglich. Hier haben wir gute Erfahrungen mit eher breiten Schulungen z. B. zu den einzelnen Phasen des UCD-Prozesses gemacht. Die richtige Mischung aus theoretischen Grundlagen und praktischen Beispielen sorgt dafür, dass erkannt wird, wie wertvoll die Methoden sind, wenn sie richtig angewendet werden.

Da solche Angebote aber nur bei Zielgruppen ansetzen, die ohnehin tiefer an der Thematik interessiert sind, ist auch das kein Allheilmittel. Die Frage also bleibt: Wie kann man einer Branche, die den Umgang mit handfesten Werkstoffen, Produkten und Maschinen gewöhnt ist, den Stellenwert der digitalen Anteile ihrer Steuerungen nahe bringen?

Welche Erfahrung habt ihr dazu gemacht? Wir freuen uns auf Austausch in den Kommentaren.

Über Nadine Kempe (Gastautorin)

Nadine ist Key Account Managerin bei der Design- und Usability Agentur UCD+. Seit über 8 Jahren managt sie Projekte im IT-Umfeld und behält dabei die Zufriedenheit Ihrer Kunden immer im fest im Blick. Besonderen Spaß hat sie als Dipl.-Ing. für Computervisualisitik dabei an der Leitung von heterogenen Teams aus verschiedenen Bereichen.

4 Kommentare

  1. Roland Groepler

    Ein ganz herausragender Artikel und wie war!
    Denn wie oft haben wir (G&G Engineering in Irland) als „Endnutzer“ schon über den Steuerungswirrwarr, die Umständliche und die zeitlich aufwendigen und veralteten Maschinenbedienungen selbst bei bekannten deutschen Maschinen geflucht (von einigen Asiatischen Maschinen gar nicht erst zu reden).
    Immer wieder muss Personal nach geschult werden da die Bedienung zu komplex ist, eine sehr hohe Einstiegshürden hat und oft sehr unübersichtliche ist und bestimmt keinerlei intuitive Bedienbarkeit aufweist. Ein Flickenteppich der oft nur dort ergänzt wird wo gerade “Platzt” ist.
    Zwar sind wir als “Endnutzer” meist Experten in unserem Gebiet und verfügen generell über großes Spezialwissen in unserem Arbeitsbereich, was aber keinerlei Einfluss auf eine mangelhaft, unlogische und zu komplexe Steuerungsauslegen hat.
    Also bitte endlich anfangen für den NUTZER logisch aufgebaute und intuitive erfassbare Steuerungssysteme zu bauen.

  2. Nadine Kempe

    Vielen Dank für den netten Kommentar. Das ist quasi Wasser auf meine Mühlen und deckt sich zu 100% mit dem Eindruck, den wir aus der Praxis haben. Jetzt muss nur noch die Herstellerseite verstehen, dass sich Investitionen in dem Bereich lohnen, um genau das zu verhindern.

  3. Titus

    Als Elektrotechniker der im Produktmanagemant tätig ist, kann ich dem Beitrag weitestgehend zustimmen. Muss aber in teilen widersprechen. Denn immer wenn ich Systeme blind Bedienen muss, dann ist die klassische Lösung (1 Taste = 1 Funktion) noch immer die beste, sicherste und zuverlässigste. Das kennt vielleicht jeder vom eigenen Fahrzeug. Selbst komplexe Systeme wie iDrive und Co lassen sich bereits nach wenigen Wochen vollkommen blind bedienen.
    In unserer Feuerwehr haben wir die ebenfalls die Erfahrung gemacht dass die neuen Systeme der Hersteller nur dann Sicher sind, wenn ich nicht hinsehen muss. Egal ob am Fahrerplatz oder dem Pumpenbedienstand. Da ist die Informationsaufbereitung wesentlich wichtiger als die Eingabe der Befehle.

  4. Wolf Brüning

    Blinde Bedienbarkeit ist definitiv ein wichtiger Faktor. Ich möchte immer mit dem Kopf auf den Tisch schlagen, wenn Autohersteller den Einbau von Touchscreens als große Innovation feiern. Das Mediencenter in meinem Auto kann ganz viele tolle Sachen. Aber blind den Radiosender wechseln kann ich nicht mehr.

    Allerdings kommt auch das 1-Taste=1-Funktion-Prinzip an seine Grenzen, wenn es einfach zu viele Tasten sind. Dann ist eine blinde Bedienung gar nicht mehr möglich. Darum sollte man in der Konzeption zwischen immer gleich verorteten Kernfunktionen und optionalen Interaktionen unterscheiden.

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