Quelle: Halacious auf Unsplash

Die Bedeutung von Usability und User Experience für den Mittelstand

Digitalisierung im Jahr 2020 durchdringt alle Lebensbereiche und ist weder aus dem Privat- noch aus dem Berufsleben wegzudenken. Im Privatleben sind digitale Produkte aller Bereiche durch Online-Handel, Soziale Netzwerke, Smart Home, Smart Health und Smart Mobility allgegenwärtig. Ein wichtiges Merkmal erfolgreicher digitaler Produkte und Services ist, dass sie mit wenig Aufwand zu bedienen sind und ohne Handbücher oder Schulungen verstanden und angewendet werden können.

Daraus ergibt sich eine Erwartungshaltung, die sich auch auf das Berufsleben überträgt: Die Anwender von digitalen Lösungen in Unternehmen fordern auch hier die aus dem Privatleben gewohnte hohe Usability und positive User Experience. Diese Forderung wirkt sich in der Folge auf Unternehmen aus, in welchen digitale Lösungen zur Steigerung der Produktivität genutzt werden. Aber auch auf die Softwareunternehmen wächst der Druck: denn zufriedene Nutzer empfehlen digitale Lösungen eines Unternehmens weiter, kaufen Lösungen desselben Anbieters wieder und bauen eine starke Markenbindung auf.

Für mittelständische Unternehmen wurden vom Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Usability drei zentrale Aussagen erarbeitet:

  1. Je besser die Usability und User Experience (UUX) von Produkten, desto erfolgreicher ist ein Unternehmen im Markt
  2. Je besser die UUX von verwendeten Produkten im Produktlebenszyklus, desto effizienter und effektiver ist ein Unternehmen
  3. Je besser die UUX von verwendeten Kooperationslösungen, desto leichter fällt die interorganisationale Kooperation.

Die Vorteile einer guten UUX für Unternehmen leuchtet schnell ein: es können Prozesse beschleunigt und für den Nutzer vereinfacht werden. Dies schafft wiederum zufriedenere Mitarbeiter, was sich auf das gesamte Unternehmen auswirkt. Vor dem Hintergrund dieser offensichtlichen Vorteile, stellt sich die Frage, wie weit fortgeschritten der Einsatz von UUX-Praktiken in mittelständischen Unternehmen tatsächlich ist.

UUX als Wettbewerbsfaktor

Eine umfassende Antwort über den Status Quo des tatsächlichen Einsatzes von UUX-Methoden im deutschen Mittelstand ermöglichte erstmals eine im Auftrag des BMWi durchgeführte umfassende empirische Studie, die 2012 im Rahmen des Forschungsprojektes „Gebrauchstauglichkeit von Anwendungssoftware als Wettbewerbsfaktor für kleine und mittelständische Unternehmen“ (UIG-Konsortium, 2011, Scheiber et al, 2012) publiziert wurde.

Ein zentrales Ergebnis der UIG-Studie war, dass Softwareunternehmen, die Usability- Praktiken umfassend einsetzen und über Usability-Wissen verfügen, Softwareprodukte mit einer höheren Usability realisieren und damit Wettbewerbsvorteile erlangen. Jedoch gab es im Jahr 2011 noch wenige dieser Unternehmen in Deutschland, da Usability-Wissen und -Praktiken noch kaum verbreitet waren. Zwei Gründe konnten innerhalb der Studie hierfür identifiziert werden: die wahrgenommene Relevanz und der Wissensstand waren gering und die Vernetzung von Softwareunternehmen mit Usability-Experten unzureichend.

Insgesamt hat die UIG-Studie gezeigt, dass die Nutzung von digitalen Lösungen für Mittelständler von strategischer Bedeutung ist. Abbildung 1 zeigt, dass in der Mehrheit der befragten Unternehmen auf Usability bezogene Unternehmensziele definiert wurden. Darüber hinaus zeigte die Studie auf, dass mehr als 60% die Nutzung digitaler Lösung als entscheidend für den Unternehmenserfolg einstuften. Mehr als 70% der befragten Unternehmen klagten jedoch über Produktivitätsminderung durch Usability-Probleme bei der Nutzung. Nur 4% (siehe Abbildung 1) der befragten Unternehmen, gaben an, dass Kennzahlen zur Messung der Usability ihrer Software eingesetzt wurden.

Abbildung 1: Verteilung der Antworten zu Usability-Zielen und -Kennzahlen, UIG-Studie 2011

Einige Jahre später konnte eine Studie des Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Usability die Aktualität und Dringlichkeit der aufgezeigten Bedarfe erneut unterstreichen: hier wurden 200 Beschäftigte aus mittelständischen Unternehmen nach dem Informationsbedarf zu unterschiedlichen Themen befragt. Mehr als 40% der Befragten gaben im Rahmen der 2018 durchgeführten Studie Informationsbedarf zu UUX an. Somit wird auch von Unternehmen der Bedarf an Wissen zu UUX deutlich adressiert. Nur 24,7% der Unternehmen nutzten etablierte UUX-Methoden – das heißt auch hier ist ein erhöhter Bedarf an Wissen zu UUX-Methoden weiterhin präsent (Abbildung 2).

Abbildung 2: Antworten zur Frage der Nutzung unterschiedlicher UUX-Methoden, MuC 2019

Vor dem Hintergrund, dass über 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland KMU sind, mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze stellen und dabei mehr als jeden zweiten Euro (Nettowertschöpfung) erwirtschaften (Quelle: BVMW), kann man das große Potenzial des Mittelstandes für die UX-Branche bereits erahnen. Aktuelle Zahlen werden hier im Jahr 2021 erwartet.

Integration von UUX-Praktiken in Unternehmen

Zum aktuellen Zeitpunkt lässt sich feststellen, dass es auf der einen Seite Unternehmen gibt, die ein Bewusstsein für UUX entwickelt haben, Prozesse und Praktiken entsprechend implementieren und sich auf der UX-Reifegradskala sehr stark weiterentwickelt haben. Auf der anderen Seite stehen zahlreiche Unternehmen immer noch am Anfang und haben die Relevanz von UUX noch nicht erkannt.

Häufig sind Unternehmen bei ersten Einführungsschritten von Maßnahmen für gute Usability und positive UX mit diversen Herausforderungen konfrontiert. Hier sind entweder die Zusammenhänge zwischen UUX-Praktiken und einer direkten Auswirkung auf den Unternehmenserfolg noch nicht klar oder es fehlt der erste Schritt zu einer konsequenteren Umsetzung. Gründe sind entweder knappe Ressourcen oder eine geringe Akzeptanz in eher technisch geprägten Entwicklungsteams. Auch in Bezug auf den Implementierungsgrad sind große Unterschiede zu beobachten.

Insgesamt stehen in vielen Projekten immer noch technologische und organisationale Aspekte im Vordergrund – der Benutzer dagegen wird erst sehr spät mit der neuen Technologie konfrontiert. In der Digitalisierung nimmt eine intuitive und menschzentrierte Gestaltung von Softwarelösungen jedoch eine besondere Rolle ein. Das Prinzip der menschzentrierten Gestaltung versucht den gestiegenen Bedürfnissen der Nutzer im Berufsleben gerecht zu werden. Hierfür müssen sowohl die Software- als auch Anwenderunternehmen einen Beitrag leisten, indem Softwarehersteller systematischer Nutzungskontexte erfassen und Anwenderunternehmen die Technologie unter Berücksichtigung nutzerspezifischer Anforderungen in ihre Arbeitsabläufe integrieren. Die Umsetzung eines nutzerzentrierten Paradigmas stellt für viele Unternehmen immer noch eine große Herausforderung dar und wird noch nicht gelebt. Die vollständige Etablierung hin zu einer Menschzentrierung im Unternehmen kann daher noch Jahre dauern.

Usability muss eingebettet werden in den Lebenszyklus von Software bei Herstellern und Anwendern. Das ist kein reines Entwicklungsthema, sondern entscheidet sich insbesondere in der Nutzung.Prof. Dr. Alexander Mädche (KIT, Geschäftsführer UIG e.V.)

Wichtig ist, dass UUX integraler Bestandteil der Geschäftsmodelle der Unternehmen wird und als wertvolles Element für den Unternehmenserfolg begriffen wird. Eine Einbeziehung von UUX in den verschiedenen Unternehmensbereichen wird Unternehmen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sichern.

Die geschilderten Herausforderungen zeigen, dass hier in den nächsten Jahren weiter stark an einer Sensibilisierung des Mittelstandes für die Relevanz der Etablierung von UUX-Themen zur Sicherung von Wettbewerbsvorteilen gearbeitet werden muss. Neben einer Sensibilisierung ist eine Vernetzung der relevanten Akteure von entscheidender Bedeutung. Es müssen Hemmschwellen reduziert werden, Wissenstransfer muss stattfinden und es müssen Wege des Wandels aufgezeigt werden, die mit begrenzten Ressourcen umsetzbar sind. Hierfür gibt es bereits zahlreiche Initiativen und Projekte, welche diese Notwendigkeiten adressieren und bearbeiten.

Der Usability in Germany e.V. als Multiplikator

Der UIG e.V. verfolgt das Ziel, Wissen über Usability und User Experience (UUX) insbesondere für mittelständische Unternehmen bereitzustellen und zu verbreiten. Das wissenschaftlich fundierte Wissen soll der Entwicklung, Bereitstellung und Nutzung von Software und digitalen Diensten dienen. Neben dem UUX Wissen, schafft der UIG e.V. ein Ökosystem zur aktiven Vernetzung relevanter Akteure im Feld.  Insbesondere entwickelt sich der Verein mehr und mehr zu einer Plattform zur Vernetzung von UX-Dienstleistern mit nachfragenden KMU. Der UIG e.V. versteht sich als…

  • Wissensträger über UUX-Methoden und Praktiken,
  • Impulsgeber für die Etablierung von UUX-Prozessen in Unternehmen,
  • Vermittler von UUX-Wissen für Unternehmen, sowie
  • Brückenbauer zu UUX-Dienstleistern und weiteren Akteuren.

Wie bereits erwähnt, brachte das BMWi hervorgehend aus den Ergebnissen der UIG-Studie 2011 die Initiative „Einfach intuitiv – Usability für den Mittelstand“ auf den Weg. KMU wurden hier gezielt bei der digitalen Transformation sowie der Entwicklung moderner Informations- und Kommunikationstechnologie unterstützt. Die Initiative war Teil des Förderschwerpunkts „Mittelstand-Digital – Strategien zur digitalen Transformation der Unternehmensprozesse“, für die 17 Projektkonsortien über einen Ideenwettbewerb ausgewählt und im Anschluss gefördert wurden. Eines dieser Projektkonsortien war „UIG – Ein Usability-Managementkonzept und Berater-Netzwerk für den Mittelstand“, aus dem sich im Rahmen des Nachhaltigkeitskonzeptes im Jahr 2013 der UIG (Usability in Germany) e.V. gründete.

Der UIG e.V. konnte seit seiner Gründung ein umfassendes Glossar, Methoden- und Expertenverzeichnis aufbauen, kennt den Markt sehr gut und versteht sich als entscheidende Stimme für den Mittelstand in Deutschland. Das Expertenverzeichnis umfasst derzeit mehr als 360 Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen (u.a. Hochschulen, Design-Agenturen, Beratungen, Softwareproduzenten). Die Darstellung auf einer interaktiven Deutschlandkarte ermöglicht eine regionale Suche, was gerade für KMU häufig sehr wichtig ist. Darüber hinaus sind Glossar und Expertenverzeichnis miteinander verknüpft. Experten können sich selbst registrieren und ein Profil anlegen. Der UIG e.V. trägt mit verschiedenen Unterstützungsangeboten dazu bei, dass Unternehmer*innen erkennen, dass UUX integraler Bestandteil ihrer Unternehmen werden sollte, da diese ein zentrales Element für den Unternehmenserfolg darstellt.

Darüber hinaus ist der UIG e.V. Projektpartner im bundesweiten BMWi-geförderten Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Usability, welches Unternehmen beim Kennenlernen, Ausprobieren und Etablieren aktueller Usability und User Experience Ansätze unterstützt. Das bundesweite Kompetenzzentrum wurde Anfang 2018 mit regionalen Standorten im Norden, Süden, Osten und Mitte gegründet. Weitere Informationen gibt es hier.

Mit den Vorständen, die aus Wissenschaft und Wirtschaft sowie den unterschiedlichen Fachgebieten (Wirtschaftsinformatik, Mensch-Computer-Interaktion und Mittelstandsforschung) stammen, ist der Verein sehr interdisziplinär aufgestellt, blickt auf langjährige Praxiserfahrung zurück und kann sowohl die Brücke von Wissenschaft zu Wirtschaft schlagen als auch direkt die Perspektive des Mittelstands einnehmen.

Ein besonderes Format, welches der Verein etablieren konnte, ist die UIG-Tagung, die mit wechselnden Schwerpunkten jährlich mehrere hundert Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft in Mannheim versammelt und eine beliebte Plattform zur Vernetzung der Akteure darstellt.

Neben den Aspekten der Vernetzung, ist eine wichtige Aufgabe des UIG e.V. auch der Transfer von Fachwissen. Hierzu gibt es auf der Website des Vereins einen umfassenden Methodenpool, der in Kooperation mit weiteren Kompetenzzentren der Förderlinie „Einfach Intuitiv“ entwickelt wurde sowie ein umfangreiches Glossar an basalen Begriffen zu UUX. Die Nutzung des UIG-Selbsttests, hat sich mittlerweile als sinnvoller Einstieg für Unternehmen, die bislang kaum Berührung mit UUX-Themen hatten, etabliert und wird häufig in Anspruch genommen. Über das UIG-Magazin werden interessierte über Trends und News aus der UUX-Szene auf dem Laufenden gehalten. Ab Dezember 2020 wird es in Kooperation mit dem Podcast „brennstoff“ der kuehlhaus AG auch einen eigenen UIG-Podcast „brennstoff – powered by UIG“ geben. Im Januar 2021 startet die erste Arbeitsgruppe für Mitglieder „User Research“ – weitere werden folgen.

05.11.2020: UIG-Tagung

Für Mitglieder bietet der UIG e.V. kostenlose Tickets zur Teilnahme an der jährlich stattfindenden UIG-Tagung an, kostenfreie Erstberatungen hinsichtlich einer UUX-Bedarfsanalyse, sowie verschiedene Marketingaktivitäten und Vergünstigungen. Weitere Mitgliedervorteile sind derzeit im Entstehen und werden am 05.11.2020 auf der diesjährigen UIG-Tagung 2020 vorgestellt. Diese steht unter dem Motto „UX and beyond: Digitalisierung menschzentriert gestalten“ steht. Erstmalig findet die Tagung in einem digitalen Format statt und die Teilnahme ist in diesem Jahr kostenfrei. Weitere Informationen und zur Anmeldung gelangen Sie hier.

Über Janina Kouvaris

Als Operations Manager im UIG e.V. ist Janina Kouvaris zuständig für die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Eventmanagement, Vernetzung und Mitgliedermanagement. Sie studierte Geographie (Bachelor) an der Universität Bonn und Wirtschaftsgeographie mit Nebenfach Psychologie (Master) an der der Universität Heidelberg. Berufliche Erfahrungen sammelte sie im Anschluss an das Studium am Steinbeis-Europa-Zentrum, wo sie unter anderem für die Koordination der Komunikationskampagnen und zahlreicher europäischer Verbundprojekte zuständig war, sowie KMU in Baden-Württemberg in ihren innovativen Vorhaben unterstützt hat.

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