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Kann man Produktmanagement eigentlich studieren?

Die meisten Produktmanager haben ihren Beruf nicht studiert, sondern sind als Quereinsteiger zum Produktmanagement gekommen. So sind auch wir Autoren dieses Beitrags, Petra (Dipl. Ing. Informationstechnik (BA)) und Rainer (Dipl. Inf. Digitale Medien), nicht direkt Produktmanager geworden, sondern haben zunächst in anderen Positionen gearbeitet. Auch die drei Produktmanager aus einem unserer letzten Artikel sind nicht direkt in ihren jetzigen Job eingestiegen. Dies liegt vor allem daran, dass es bis dato nur wenig Möglichkeiten gibt, Online- bzw. Software-Produktmanagement dezidiert zu studieren und die Studiengänge die es gibt (auf die wir später genauer zu sprechen kommen) noch nicht lange existieren.

Grund genug also, sich einmal konkreter mit den Studienmöglichkeiten auseinander zu setzen, die es für (künftige) Produktmanager gibt und auch Anforderungen an einen entsprechenden Studiengang zu sammeln. Vielleicht hilft dies ja dem einen oder anderen Anwärter, sich konkreter mit den Themen und Inhalten zu beschäftigen und den richtigen Studiengang und -ort zu finden.

Über welche Art von Produktmanagement reden wir eigentlich?

Um von Vornherein Missverständnisse auszuschließen möchten wir explizit darauf hinweisen, dass wir in diesem Artikel (und auf produktbezogen generell) immer von Produktmanagern im Online-, Software- oder Digitalbereich sprechen. Denn es gibt auch viele andere Branchen mit Produktmanagern (Consumer Goods, Hardware, etc.), für die es jedoch gänzlich anderer Qualifikationen bedarf. Jemand, der Produkte wie eine Bohrmaschine, eine Windkraftanlage oder Babycreme verantwortet, wird sicherlich anderes Knowhow mitbringen müssen als jemand, der ein Online-Produkt, Software oder ein anderes digitales Produkt verantwortet (auch wenn es sicherlich Themen mit Überschneidung  gibt).

Das gesagt wollen wir uns daher zunächst mit den Verantwortlichkeiten und Fähigkeiten eines Produktmanagers beschäftigen, um dann anschließend mögliche sinnvolle Inhalte eines Produktmanagement-Studiengangs zu sammeln und zu schauen, welche Studiengänge es gibt die eine entsprechende Ausbildung bieten.

Was muss ein Produktmanager im Online- oder Software-Bereich können?

Unser Artikel Trainings für Produktmanager vom November letzten Jahres beschäftigte sich mit den Weiterbildungsmöglichkeiten für Produktmanager, die bereits in einer solchen Position arbeiten. Darin hatten wir bereits die Kernkompetenzen genannt, die ein Produktmanager haben sollte:

  • Wissen über die Kunden: Als Produktmanager sollte man die verschiedenen Zielgruppen (Kunden / Benutzer) und deren Bedürfnisse kennen.
  • Wissen über die Branche und Wettbewerber: Als Produktmanager sollte man sich in der Domäne des Produktes auskennen, die relevanten Wettbewerber kennen und Branchentrends verfolgen.
  • Wissen über die Technologie: Als Produktmanager muss man kein Entwickler sein oder ein Informatik-Studium hinter sich haben; allerdings sollte man die zugrunde liegende Technologie kennen und ein grundsätzliches Interesse an Technologien mit bringen, damit man mit den Kollegen aus der Entwicklung auf Augenhöhe mitreden kann.
  • Business-Knowhow: Auch ein BWL-Studium ist keine Voraussetzung, um guter Produktmanager zu werden; allerdings sollte man ein Gespür für Zahlen haben und sich gerne auch durch die Daten wühlen. Wichtig ist, dass man die Geschäftszahlen und Dynamiken dahinter versteht.
  • Produktentwicklung: Natürlich sollte man als Produktmanager ein sehr gutes Verständnis des Produktentwicklungsprozesses wie beispielsweise Scrum, Kanban aber auch Wasserfall-Prozessen haben und die verschiedenen Aufgaben und Rollen darin kennen.
  • Product Discovery: Als Produktmanager sollte man wissen, wie man von Anforderungen und neuen Ideen hin zu tragfähigen Produkten kommt, die sowohl dem Nutzer als auch dem Business einen Mehrwert bringen.
  • Team- und Kommunikationsfähigkeit: Als Produktmanager ist man Ansprechpartner für die verschiedensten Stakeholder aus der Geschäftsführung, dem Vertrieb, dem Marketing, aber auch für die Kollegen aus der Entwicklung – und natürlich für die Kunden und Nutzer. Daher muss man offen sein für Anregungen, mit allen ebenbürtig sprechen können aber auch bestimmt genug auftreten.
  • Präsentations- und Evangelisierungs-Fähigkeiten: Als Produktmanager muss man andere für die Produktvision begeistern und sie mit in das Boot holen können. Dazu muss er seine Ideen gut präsentieren und die Produktidee in der Organisation und darüber hinaus evangelisieren können.

Als Produktmanagement-Anwärter muss man also sehr breit gefächerte Kompetenzen erwerben oder bereits mitbringen. Ein Studiengang Produktmanagement sollte das entsprechend notwendige Wissen lehren und vor allem auch praktisch vermitteln.

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Was sollte ein Studiengang (Online / Software) Produktmanagement bieten?

Kurz gesagt gilt es ein gewisses technisches Grundverständnis zu erwerben, seine Kommunikations- und Teamfähigkeiten auszubilden, unternehmerisches Denken zu üben und zu lernen was gute, nutzbare Software ausmacht. Außerdem sollte ein Studiengang wichtige methodische Fähigkeiten vermitteln.

Wir nennen Stichpunkte, die ihr auf einem Curriculum wiederfinden solltet. Viele sind mit Artikeln auf produktbezogen verlinkt.

Unternehmerisches Denken oder „einen Markt finden“

  • BWL, Business Model Generation, Unternehmensgründung
  • Marktanalyse, Marktbeobachtung (Trends, Wettbewerber)
  • Lean Startup, MVP
  • Produktcontrolling – KPIs, Scorecards, Analytics
  • Marketing – online, offline, Social Media Marketing, SEO, etc
  • Preisgestaltung

Von der Idee zur Software oder „den Produktionsprozess verstehen“

  • Management von Produktinnovation, Design Thinking, Produkt Design & Discovery
  • Anforderungsmanagement
  • HCI, User Experience (UX)
  • User Research (A/B-Testing, …) und Integration von Kundenfeedback
  • Produktentwicklung – Strategie, Produktvision, Umsetzung, Release-Planung
  • Grundlagen der Gestaltung, das Auge schulen, Interface Design
  • Projektmanagement, Fokus auf agile Methoden und Prozesse
  • Recht mit dem Schwerpunkt Onlinerecht
  • Grundlagen Informatik, Vermittlung von mindestens einer Programmiersprache
  • Produktion von Content (Bild, Text, Video)

Kommunikation und Teamfähigkeit

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Wo kann man derzeit Produktmanagement studieren?

Wir haben zwei Standorte in Deutschland gefunden an denen man Produktmanagement studieren kann. In Österreich gibt es ebenfalls zwei Hochschulen mit Studiengängen rund um Produktmanagement, wobei einer eher designlastig ausfallen dürfte. Außerdem sind uns zwei Lehrgänge für Freunde der ortsunabhängigen Weiterbildung in die Finger gekommen:

Bezeichnung Ort, Einrichtung unsere Einschätzung…
Software Produktmanagement (B.Sc.) DE, Furtwangen Furtwangen ist bekannt als gute Hochschule im Informatikumfeld. Daher ist der Produktmanagement Studiengang auch eher aus der Informatik heraus getrieben.
IT-Produktmanagement (Bachelor of Science) DE, Furtwangen Dieser Studiengang ist neu ab dem WS 2015/2016. Ob er den alten ersetzt, konnten wir der Webseite nicht entnehmen.
Produktmanager/-in (FH) DE, Schmalkalden Auch Schmalkalden hat einen guten Ruf im Feld der Informatik. Auch hier ist der Studiengang aus diesem Bereich heraus getrieben.
Design & Produktmanagement (Bachelor, Master) AT, Salzburg, Fachhochschule Salzburg Salzburg nähert sich dem Produktmanagement eher aus dem Bereich des Produktdesigns. Eine sehr moderne, zukunftsweisende Ausrichtung.
Innovations- und Produktmanagement
Bachelorstudium
sowie auch als „Master’s Degree Programme“
AT, Wels, FH Oberösterreich Wels rollt das Thema Produktmanagement aus dem Innovationsmanagement heraus auf und bietet konsequenterweise auch einen Masterstudiengang dazu an.
Produktmanager/in Fernstudium, Studiengemeinschaft Darmstadt Kein Studium, eher ein Lehrgang. So bezeichnet auch der Anbieter seine Fortbildungsmaßnahme.
Produktmanager/in Fernlehrgang, ILS Sehr marketingorientierter Lehrgang über 15 Monate mit je 8 Wochenstunden Aufwand. Im Großen und Ganzen werden aber alle wichtigen Themen einmal angeschnitten.

Und wenn man dort keinen Studienplatz findet? Alternative Karrierepfade

Man muss nicht unbedingt einen der genannten Studiengänge belegen. Wer in seinem Informatik-Studium auch „irgendwas mit Design oder Kommunikation“ macht oder sich bereits im BWL-Studium mit „Unternehmensgründung im Digitalsektor“ beschäftigt, kann ebenso Fuß fassen wie jemand, der Marketing studiert und nebenbei seine Leidenschaft zur Programmierung entdeckt. Und auch ganz ohne Studium kann man ein erfolgreicher Produktmanager werden.

Am Ende gilt es wertstiftende und nutzbare, digitale Produkte mit einem Team zu entwickeln. Und wer darauf achtet, sich auf diesen vier Achsen Fähigkeiten anzueignen und Lust hat, ständig Neues zu lernen und neugierig zu bleiben, der finden seinen Weg als Produktmanager.

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Über Petra Wille

Petra Wille studierte Informationstechnik (Dipl.-Ing. (BA)) und war zuletzt, nach Stationen bei SAP, Hubert Burda Media und der XING AG bei der tolingo GmbH in Hamburg als „Managing Director“ tätig. Seit 2013 ist Petra Wille freiberufliche Produktmanagerin und arbeitet für Ihre Kunden an neuen Produktideen: immer mit agilen Projektmethoden und meist in internationalen, auch verteilten Entwicklungsteams. Außerdem berät und coacht sie Produktmanager und vermittelt Methoden und Handwerkszeug für ein professionelles, dynamisches Produktmanagement. Neben Ihrer freiberuflichen Tätigkeit ist Petra Wille begeisterte Kitesurferin und schreibt für produktbezogen.de

Über Rainer Gibbert

Rainer ist Produktmanager mit großer Begeisterung für gute, Kunden-orientierte und wirtschaftlich erfolgreiche Produkte. Derzeit arbeitet er bei der StyleRemains GmbH in Hamburg als Produktmanager und Product Owner für REBELLE, dem Online Marktplatz für hochwertige Designermode im Second Hand Bereich. Zuvor war Rainer u.a. bei Fielmann Ventures als Senior Produktmanager sowie bei OTTO als Produktmanager im E-Commerce Innovation Center tätig und leitete das User Insights Team bei der XING AG.

2 Kommentare

  1. Detlev Petersen

    Liebe Autoren,

    das ist eine gute Übersicht und Zusammenfassung dessen, was Produktmanagement ausmacht. Da es wenige direkte Studiengänge für Produktmanagement gibt, könnte eine Beschreibung von sinnvollen Zusatzstudiengängen hilfreich sein, wenn diese auf technischen Studiengängen wie Informatik oder Elektrotechnik aufsetzen sollen. Ein wenig in diese Richtung gehen die bereits durch Euch gelisteten Lehrgänge. Ich vermute, Eure Schilderungen sind eine Orientierung für Menschen, die am Produktmanagement interessiert sind und über ein Erststudium nachdenken.

    Unternehmerisches Denken ist für mich eines dieser Schlagwörter, die vielen Stellenanzeigen zu lesen sind. Das kommt mir vor wie das Gebet über die Gerechtigkeit im politischen Kontext, weil es sich toll anhört, aber nie konkreter gefasst wird, so dass jeder das darunter verstehen kann, was er selbst darunter versteht. Das Maß des unternehmerischen Denkens hängt sicher von der Position im Unternehmen ab, die jemand bekleidet, und von den Befugnissen und Mitteln, die einem für dieses Denken und eigene Entscheidungsfreiheiten zugestanden werden. Man könnte auch zu dem Schluß kommen, dass zu viel unternehmerisches Denken hinderlich sein kann, sofern von der Person nur das Entwickeln eines bestimmten Programmes erwartet wird. Zur Wahrung von Hierarchie- und Machtstrukturen könnte es anderen sauer aufstossen, sollten Angestellte zu unternehmerisch denken. Ein Unternehmer ist Herr seiner selbst und kein Angestellter und höchstens seinen Geldgebern und Kunden verpflichtet. Im Sinne des Unternehmens und seines Erfolges zu denken und zu handeln, passt aus meiner Sicht besser auf den Angestelltenstatus. Unternehmerisches Denken unterstellt für mich Freiheiten und Befügnisse, dessen Bandbreite ein normaler Angestellter gar nicht ausschöpfen kann. Der Gründer wird selbst zum Unternehmer. Ich würde mir wünschen, dass Ihr das Schlagwort „unternehmerisches Denken“ aus Sicht eines angestellten Produktmanagers näher beschreibt. Bezogen auf einen Produktmanager sind dessen Freiheiten die Gestaltung des Produkts, seiner Akzeptanz durch die Kunden, seines Bedarfs am Markt. Freilich ist das ein großer Gestaltungsspielraum, aber als Angestellter bin ich nicht der Unternehmer selbst, so dass sich das unternehmerische Denken immer auf die Stelle beschränkt, die ich gerade bekleide, und die Ausführung der Aufgabe im Sinne des Unternehmens. Vielleicht geht es nur mir so, aber der Begriff „unternehmerisches Denken“ setzt eine Art von Freiheiten als Anreiz in den Raum, die ich eben nicht in dem Ausmaß wie der Unternehmer selbst als Angestellter besitze. Das ist ähnlich zu einem erfolgsabhängigen Bonus, der nie in der Höhe ausgezahlt wird, wie es maximal möglich wäre, weil das Unternehmen in der realen Welt existiert und außergewöhnliche Erfolge in der Regel eher selten sind. Da denke ich an die Karotte, die dem Esel vorgehalten wird, damit er seine Last trägt, oder an die Diamantentaucher vor Südafrika, die ihr Leben riskieren für die winzige Chance, einmal an den Fund zu kommen, der sie zu Millionären macht. Manche Begriffe klingen wie ein Motivationstrick, um Menschen für etwas zu begeistern oder etwas Bestimmtes tun zu lassen.

    Wie sehen die unternehmerischen Freiheiten eines Produktmanagers, sein unternehmerisches Denken, aus, wenn er nicht der Unternehmer selbst ist und es ungeschminkt im Detail betrachtet wird? Im Prinzip kann sich das doch nur auf das beschränken, wozu ihn der Unternehmer beauftragt hat, nämlich in seinem Interesse oder an seiner Stelle entsprechend zu handeln, aber warum nennt man es nicht so? Also heisst „unternehmerisches Denken“ in diesem Kontext so zu handeln in dieser Position als würde es der Unternehmer selbst tun, aber immer begrenzt auf den Rahmen, den diese Position setzt. Das kommt der Definition eines guten Angestellten gleich, wenn der Chef denkt, er macht es so, als würde ich es selbst machen. Dann wäre „unternehmerisches Denken“ gleichzusetzen mit „mach es so, wie Dein Chef es will“, nur klingt das natürlich nicht so toll.

    Viele Grüße
    Detlev

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