Kleine Bewerbungskunde für Produktmanager und Interaktionsdesigner – Teil 2: Das Telefon-Interview

Nachdem wir uns mit der richtigen Art eine Bewerbung zu schreiben schon beschäftigt haben, soll es heute um die nächste Runde im Bewerbungsmarathon gehen: das Telefoninterview.

Immer mehr Unternehmen nutzen diese Möglichkeit sich von den Kandidaten ein persönliches Bild zu machen bevor sie ihn oder sie zu einem Gespräch einladen.

In Vorbereitung auf diesen Artikel habe ich einstellende Produktmanager/Design Leads gefragt, warum sie Telefoninterviews machen und worauf es ihnen dabei ankommt. Hier die Antworten grob nach Häufigkeit der Nennung sortiert:

Warum machen Unternehmen Telefoninterviews?

  • Telefoninterviews sind günstiger: Ein Telefoninterview ist in der Regel kürzer als ein normales Interview. 20 Minuten Telefonate sind keine Seltenheit. Das Unternehmen investiert also erst mal weniger Zeit pro Kandidat. Außerdem telefonieren meist nur eine oder zwei Personen mit dem Kandidaten. Auch das hält den Invest in einen Kandidaten klein. Und es fallen eben auch noch keine Reisekosten an. Man könnte sagen: Zum zeitintensiven Interview vor Ort dürfen nur Kandidaten kommen, die es auch wert sind.
  • Sympathie: Eine Bewerbung sagt über eine Person zwar einiges aus, Stimme, Sprachmelodie und Ausdrucksweise machen uns Menschen aber oft direkt sympatisch. Gerade als Produktmanager und Interaktionsdesigner arbeiten wir viel in Teams und mit Kollegen zusammen. Da ist eine gewinnende Persönlichkeit sehr hilfreich.
  • Auf den Punkt erklären können: Viele Interviewer bitten ihre Kandidaten anscheinend „in 10 Minuten kurz durch ihren Lebenslauf zu führen“ und wollen dann sehen, wie gut der Kandidat seine eigene Geschichte in kurzer Zeit auf den Punkt bringen kann. Denn sowohl das Geschichtenerzählen (Storytelling) als auch eine präziese Ausdrucksweise sind wichtige Qualifikationen in unserem Berufsfeld.
  • Wechselmotivation abklopfen: Wer in der Produktentwicklung arbeiten will, sollte sich auch mit dem jeweiligen Produkt identifizieren. Oft wechseln Bewerber aber das Unternehmen aus ganz persönlichen Gründen („ich ziehe zu meiner Freundin“) und interessieren sich weniger für das Produkt als mehr für den neuen Lebensabschnitt. Erfahrene Interviewer wissen das nach einem Telefonat. Ebenso wichtig ist für Unternehmen die Frage, ob der Kandidat beim Wechsel in eine andere Stadt auch Fuß fassen und damit perspektivisch im Unternehmen bleiben wird. Denn Firmen wissen: wer nicht glücklich ist und wen das Heimweh plagt, der bringt im Job nicht die Leistung, die er bringen könnte. Also ist auch vor allem bei jungen Mitarbeitern das eine wichtige Fragestellung.
  • Exotische Lebensläufe abchecken: Der Kandidat hat einen eher abenteuerlichen Lebenslauf, aber seine Referenzen sind gut und sein letztes Projekt lässt sich auch sehen. Was nun? Auch da hilft das Telefoninterview. Denn so kann man den Kandidaten ganz gezielt fragen, wie es zu diesem Lebenslauf kam. Oft verstecken sich wertvolle Skills in Queerein- und -umsteigern. Nach einem ersten Telefoninterview hat man dann die Spreu vom Weizen getrennt.
  • Aufgabe stellen: Immer mehr Unternehmen verlassen sich nicht auf den „netten Plausch“ als Methode für ihre Bewerbungsgespräche. Einige wenige Firmen nutzen in unserem Bereich Assessment Center, die meisten aber stellen den Bewerbern eine Aufgabe vorab. Eben diese Aufgabe wird gerne in einem kurzen Telefonat erklärt. Oft auch am Ende des eigentlichen Telefoninterviews. Wenn das passiert weiss die Kandidatin: sie ist eine Runde weiter.

Mein Fazit:

Nie geht es darum den Kandidaten im Telefoninterview so richtig auf den Zahn zu fühlen. Es geht eher um einen ersten persönlichen Eindruck oder darum sich einen besseren Eindruck vom Werdegang des Kandidaten zu verschaffen. Wirklich kniffelige Fragen dürften euch nicht erwarten.

10 Tipps für ein erfolgreiches Telefoninterview

Nachdem wir jetzt wissen, aus welchen Beweggründen Unternehmen Kandidaten zu Telefoninterviews einladen, hier meine 10 Tipps für ein erfolgreiches Telefoninterview.

  1. Klärt die Rahmendaten: Wird das Interview wirklich ein Telefonat oder gar ein Skype-Call? Sollte es ein Video-Call werden, dann achtet bitte auf euer Aussehen und vor allem auf den sichtbaren Hintergrund. Klärt außerdem, wer wen anruft und tauscht Telefonnummern bzw. Skype-Handels im Voraus aus.
  2. Sucht euch einen ruhigen Ort für das Telefoninterview. Am Besten telefoniert ihr von Zuhause. Ich hatte schon mehrere Kandidaten, die im Treppenhaus des aktuellen Arbeitgebers telefoniert haben. Das geht meistens schief. Denn entweder weiss hinterher die halbe Firma, dass man auf Jobsuche ist oder man muss die ganze Zeit flüstern. Beides ist nicht ideal.
  3. Plant ausreichend Zeit ein: Es kommt zwar nicht häufig vor, dass Telefoninterviews länger dauern als erwartet, aber ein paar Minuten Luft solltet ihr einplanen. Quetscht das Interview also nicht zwischen zwei Termine in euren Kalender.
  4. Habt die Bewerbungsunterlagen zur Hand: Druckt euch eure Bewerbungsunterlagen noch mal aus und legt sie euch bereit. Oft kommen Detailfragen zum Lebenslauf und dann weiss man besser, was man da genau geschrieben hat. Auch Zeiträume durcheinanderzubringen („äähmm… wie lange war ich nochmal bei Firma XYZ…?“) macht keinen souveränen Eindruck.
  5. Entspannt euch: Eurer Stimme hört man an, wie aufgeregt ihr seit. Also atmet, auch wenn´s schwer fällt, ein paarmal tief ein und aus bevor ihr das Gespräch annehmt. Und dann seid einfach ganz ihr selbst!
  6. Habt das Produkt vor Augen: Als Interaktionsdesigner oder Produktmanager solltet ihr euch spätestens vor dem Telefoninterview mit dem eigentlichen Produkt des Unternehmens auseinander setzen. Öffnet die Webseite oder App auf eurem Rechner, um ggf. Fragen beantworten zu können oder macht euch auch davon einige Ausdrucke. Sollte das Produkt nicht öffentlich zugänglich sein: bittet vor dem Gespräch um einen Zugang oder ein paar Screenshots. Das kommt meist gut an und nur selten wird eure Bitte abgelehnt werden.
  7. Antwortet präzise: Je nachdem, für wie lange das Interview angesetzt ist, ist die Zeit oft sehr knapp. Antwortet präzise auf alle Fragen und lasst lieber ein echtes Gespräch mit Frage und Antwort als einen Monolog eurerseits aufkommen.
  8. Haltet die Ohren gespitzt: Für ein erfolgreiches Telefoninterview ist Zuhören wichtiger als Reden. Denn nur wenn ihr genau aufpasst, was der Anrufer fragt, könnt ihr erwartungsgemäß und präzise antworten. Wünscht der Anrufer z.B. dass ihr in 5 Minuten eines eurer Projekte vorstellt, dann kommt es ihm anscheinend auch auf die Zeit an. Sonst hätte er „ein paar Minuten“ gesagt.
  9. Bereitet eine Frage vor: In einem normalen Bewerbungsgespräch eine Standardfrage: „Haben Sie noch Fragen? Zum Unternehmen, zum Produkt, ganz egal.“, im Telefoninterview eher selten. Doch es kommt vor, dass auch ihr noch eine Frage stellen dürft. Hier eignen sich z.B. folgende Fragen:
    • „Können Sie bitte kurz erklären, wie bei Ihnen der Bewerbungsprozess abläuft und wer typischerweise in dem Prozess involviert ist?“ – So bekommt ihr ein Bild von dem, was euch vielleicht noch bevorsteht und könnt euch besser vorbereiten.
    • „Darf ich ihnen Referenzen nennen oder einige Arbeitsproben schicken? Was würde Sie hier besonders interessieren?“ – solltet ihr nicht ohnehin schon eine Aufgabe bekommen haben ist das eine nette Geschichte um sich 1-2 Tage später noch mal in Erinnerung zu rufen und Einsatzbereitschaft zu zeigen.
  10. Lieber nicht fragen: Es gibt auch ein paar Fragen, die ich viel zu oft gehört habe in Telefoninterviews (kein Witz!):
    • „Übernehmen Sie die Kosten für meine Reise zum Bewerbungsgespräch?“ – erstens wisst ihr noch gar nicht ob es zu einer Einladung kommen wird und zweitens reagieren viele Führungskräfte allergisch auf diese Frage. Ihr riskiert damit auf dem „Ablehnen“-Stapel zu landen. Viele Führungskräfte sehen das als kleinlich an und finden: „wer den Job wirklich will, lässt sich auch von so ein paar Reisekosten nicht aufhalten“. Am Ende bezahlen Unternehmen die Kosten meist ohne zu Murren. Müssen Sie auch. Also spart euch die Frage zu früh im Prozess.
    • „Welche Sozialleistungen bietet ihr Unternehmen“ – ein Klassiker unter den Interviewfragen. Das fragen nur Bewerber, denen sonst keine Fragen zum Unternehmen einfallen. Und man will als Chef auch eher einen Produktmanager, der für das Produkt brennt, als einen der auf kostenloses Bioobst steht. Und im Telefoninterview hat diese Frage mal so gar nichts verloren!

Mit diesen Tipps kann bei eurem Telefoninterview eigentlich nichts mehr schief gehen. Wir wünschen toitoitoi auf dem Weg zu eurem Traumjob. Und solltet ihr eigene Anekdoten rund um euren Bewerbungsprozess haben, freuen wir und alle Leser sich sehr über Kommentare!


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Über Petra Wille

Petra Wille studierte Informationstechnik (Dipl.-Ing. (BA)) und war zuletzt, nach Stationen bei SAP, Hubert Burda Media und der XING AG bei der tolingo GmbH in Hamburg als „Managing Director“ tätig. Seit 2013 ist Petra Wille freiberufliche Produktmanagerin und arbeitet für Ihre Kunden an neuen Produktideen: immer mit agilen Projektmethoden und meist in internationalen, auch verteilten Entwicklungsteams. Außerdem berät und coacht sie Produktmanager und vermittelt Methoden und Handwerkszeug für ein professionelles, dynamisches Produktmanagement. Neben Ihrer freiberuflichen Tätigkeit ist Petra Wille begeisterte Kitesurferin und schreibt für produktbezogen.de

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