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Drei Interviews, drei Standpunkte: das erste Jahr als Produktmanager

Wie wird man eigentlich Produktmanager oder Product Owner? Diese Frage höre ich immer wieder. Natürlich habe ich dazu eine Meinung. Spannender fand ich aber, die zu Wort kommen zu lassen, die sich gerade auf den Weg gemacht haben um diese Rolle auszufüllen. Ich habe drei Interviews mit „frisch gebackenen“ Produktmanagern geführt. Das Ergebniss sind spannende Einsichten und gute Tipps für alle Auf-, Um- und Einsteiger im Produktmanagement.

1. Stell dich bitte kurz ganz kurz selbst vor: wie heißt du und wo Arbeitest du im Moment?

Koin: Ich heiße Koin Breyer und bin vor einem Jahr als einer der ersten Mitarbeiter bei Freeletics in München eingestiegen, wo ich seitdem das Produktmanagement verantworte.
Thomas: Ich heiße Thomas Kern und arbeite als Produktmanager für das Startup HealthCare United in Hamburg.
Robert: Hallo, Ich bin Robert Quitsch 29 Jahre jung und bin seit kurzem Product Owner bei mytaxi in Hamburg

2. Wann und in welchem Zusammenhang hast du zum ersten Mal von dem Job „Produktmanager“ gehört?

Koin: Seit Anfang meines Studiums (VWL in München) war ich an Startups und Produktentwicklung interessiert. Am Center for Digital Technology and Management (CDTM) habe ich zusätzlich Technology Management studiert. Da geht es genau um die Themen, die PMs umtreiben – Innovation, Trends, Produktentwicklung, Business Modeling, Design Thinking, effektives Teamwork… Durch das CDTM-Netzwerk konnte ich schließlich PMs unterschiedlicher Startups kennenlernen und mich dadurch weiter für diesen Bereich begeistern.
Thomas: Das erste Mal bin ich über den Begriff „Produktmanager“ während meines Praktikums bei XING gestolpert. Ich hatte zunächst in Team für die Onlinewerbung auf XING angefangen und hatte nur lose mit Entwicklern und Produktmanagern zu tun. Mein Interesse wurde dann von den vielen bunten Zetteln an den Firmenwänden geweckt, auf denen lauter kryptische Begriffe standen.
Robert: Das war das erste während meines Studiums, ca. 2008, als ich als Werkstudent bei der Web.de GmbH war. Ich habe ein Projekt auf der Qualitätsseite betreut und musste mich mit einem Produktmanager absprechen.

3. Und dann dachtest du: „das könnte was für mich sein“?

Koin: Mit 12 fing ich an Websites zu basteln und war bis zu meinem Einstieg bei Freeletics dann viele Jahre freiberuflich als Web Developer und Grafikdesigner tätig. Das hat den Grundstein gelegt, um jetzt an der Schnittstelle zwischen Strategie, Design und technischer Implementierung arbeiten zu können und alle drei Sprachen zu sprechen. Vor Freeletics hatte ich mit Freunden ein Start-up-Projekt gestartet und eine Plattform für das Vermitteln von Wohnungen unter Freunden entwickelt. Dabei habe ich mich um die Konzepte, das Design und Frontend gekümmert. Das war im Prinzip meine erste Tätigkeit in meine heutige Richtung.
Thomas: Zunächst nicht wirklich. Ausschlaggebend war hier meine Übernahme als Werkstudent nach meinem Praktikum. Hier konnte ich erstmals an der Konzeption und Entwicklung eines neuen Produktes teilnehmen. Auch würde ich hier die Zusammenarbeit mit den beteiligen Produktmanagern nennen, welche mir Einblicke in ihren Arbeitsalltag ermöglichten. Natürlich half auch, dass ich früh kleinere Projekte betreuen durfte. Dadurch war mir auch schnell klar, dass ich nach dem Studium als Produktmanager arbeiten werde!
Robert: Der Moment lies ein bisschen länger auf sich warten. Um genauer zu sein zwei Jahre. Zu diesem Moment habe ich bei der XING AG als Quality Assurance Manager gearbeitet und hatte eine fantastische Product Managerin während eines Projektes.
Ich dachte aber erst nur das die Aufgabe des Produktmanager etwas für mich sein könnte so in ferner Zukunft. Zu der Zeit war ich frisch aus dem Studium, da muss man erstmal Erfahrung sammeln und dann kann man weiter sehen.

4. Wie und wann bist du dann schlussendlich Produktmanager geworden?

Koin: Ich war selbst einer der frühen User von Freeletics und habe in meinem Auslandssemester Leute zu Freeletics gepusht. Im Rahmen eines Praktikums habe ich dann letztes Jahr für zwei Monate die Konzeption neuer Features übernommen. Dabei hat sich gezeigt, dass ich zur Produktentwicklung von Freeletics einiges beitragen kann. Das super Team und meine Leidenschaft für Sport und Gesundheit haben auch perfekt dazugepasst – gefühlte 1000 Burpees später war ich der Produktmanager.
Thomas: Ich habe mein Studium letztes Jahr im September beendet und mich direkt auf Ausschreibungen als Produktmanager beworben. Bei HealthCare United hat dann alles gepasst und ich konnte schon kurz nach Studienende in meinem Wunschberuf starten!
Robert: Es hat weitere 5 Jahre gedauert und einen Firmenwechsel benötigt bis ich es schlussendlich geschafft habe mich in die Rolle des Produktmanager zu arbeiten.
Seit November 2014 bin ich wie oben bereits erwähnt Product Owner bei mytaxi und was soll ich sagen, ich bin mehr als glücklich das ich hier die Chance bekommen habe.

5. Wie würdest du jetzt deine Rolle in einem Satz beschreiben? Was ist der Kern deiner Produktmanager-Tätigkeit?

Koin: Als PM übersetze ich die Unternehmensvision und -strategie in unsere kurz- bis mittelfristige Roadmap und in konkrete Konzepte. Dabei wäge ich ab zwischen strategischem und Business Value, Wünschen unserer Community und der technischen Komplexität. Bei mir laufen das Trainingssystem, Design und Content zusammen, sodass ich mit dem ganzen Team für eine nahtlose User Experience über alle Touchpoints und Plattformen (Mobile, Web) des Produktes sorgen kann. (Das war ein Satz mit drei Punkten…)
Thomas: Ich würde mich als einen Allrounder beschreiben, da in unserem  Unternehmen einige Aufgaben, welche normalerweise von separaten Mitarbeitern übernommen werden, von mir umgesetzt werden. So besteht meine Tätigkeit nicht nur aus den typischen Aufgaben eines POs wie Sprintplannung oder Roadmaps, sondern auch die Steuerung von externen Dienstleistern, die Betreuung der Social Media Kanäle als auch die ein oder andere IT-Support-Anfrage von Kollegen und Kunden zu beantworten. Dennoch finde ich gerade diesen Mix ganz spannend, ermöglicht er doch gerade als Berufsanfänger sich Wissen aus anderen Bereichen anzueignen.
Robert: Ein Satz? findest du das nicht zu kurz? Ich kümmere mich um zwei Teams, welche mit Aufgaben versorgt werden wollen. Diese Aufgaben müssen ausgearbeitet und priorisiert werden bevor sie in einen Sprint gehen. Aber, darf ich noch einen? Stakeholder Management, Kunden und Markt Analyse, das Mädchen für alles sein und jedem Helfen. Produktplanung, Ideen ausarbeiten, Ideen verwerfen usw usw. das würde mehr Zeit in Anspruch nehmen.

6. Was sind deine ganz alltäglichen Herausforderungen? Was nimmt am meisten deiner Zeit in Anspruch?

Koin: Als Produktmanager stehe ich genau zwischen dem strategischen und operativen Bereich unserer Produktentwicklung. Zur einen Hälfte arbeite ich an der Strategie und neuen Konzepten. Unsere Vision, jeden Menschen langfristig athletisch, motiviert und gesund zu machen, lässt sich nicht mit ein paar Iterationen am Whiteboard lösen. Deshalb arbeite ich mit unserem internen R&D Department, dem Customer Support und dem Community Management zusammen. Wir wollen nicht einfach ein paar coole Features entwickeln, sondern ein effektives Trainingssystem, das User langfristig motiviert und fit macht. Außerdem stellen wir den Usern ein stetig wachsendes „Knowledge Center” zur Verfügung, damit sie die Hintergründe lernen und langfristig weiter kommen können. Um das Training herum bauen wir eine Community auf, die für Werte wie gemeinsames Training und Respekt steht – das ist enorm wichtig für die Motivation. Damit Training und Community wirklich für verschiedenste Usergruppen und global funktionieren, muss man viele Gedanken in neue Konzepte und Änderungen stecken und verschiedene Leute im Team an Bord holen.
Zur anderen Hälfte implementiere ich diese Visionen und Strategien mit unseren Produktteam aus Developern, Designern, Content-Writern und Übersetzern als Projektmanager und bin für Rückfragen da. Wichtig ist dabei die Motivation und Kommunikation innerhalb und mit anderen Teams. Diese hybride Funktion ist herausfordernd und macht den Reiz der Tätigkeit aus.
Thomas: Meine tägliche Herausforderung spiegeln sich in der Antwort auf der vorigen Frage wieder: Gerade als Allrounder fällt es mir manchmal schwer die richtigen Prioritäten zu setzen und mich primär auf meine Rolle als Produktmanager zu konzentrieren.
Robert: Die meiste Zeit verschlingt tatsächlich das koordinieren der unterschiedlichen Teams sowie Stakeholder abholen und informieren.

7. Gibt es etwas, was du dir vorher anders vorgestellt hast?

Koin: Was man wissen sollte: Als Produktmanager ist man erstmal für alles zuständig und hat die Verantwortung für alle Aufgaben, für die es keine andere dedizierte Person gibt. Da sind auch solche Sachen dabei wie Übersetzungsfehler ausbessern, Bugs reproduzieren, App-Store Descriptions schreiben oder Tools für das Team aufsetzen. Wenn man die ganze Zeit dabei ist, Feuer zu löschen, kann man schnell mal in operativen Tätigkeiten untergehen. Wenn man immer wieder die gleichen Feuer löscht, sollte man also einen neuen Prozess definieren, die Prioritäten neu festlegen oder Verstärkung suchen.
Thomas: Ich hätte erwartet – auf Grund meines Einstiegslevels – dass ich weniger mit wichtigen Entscheidungen konfrontiert werden würde.
Robert: Nein, Ich habe 7 Jahre lang gesehen was Produktmanager und Product Owner machen und war so ganz gut darauf vorbereitet. Wobei…

8. Gibt es Bücher, Blogs oder andere Quellen, die dir besonders bei der täglichen Arbeit helfen?

Koin: Ich setze mich mit Grundlagen/allgemeinen Methoden der Produktentwicklung auseinander, folge aber auch den neuesten Trends und kleinen Hacks. Interessante Quellen zur Inspiration, die vllt. noch nicht jeder kennt (wie Lean Startup, Rework, Produktbezogen 😉 sind die Übersicht über psychologische Trigger von ZURB, Petithacks und die Library von Google Ventures. Außerdem: Regelmässiger Austausch mit anderen PMs und UX Designern!
Thomas: Natürlich produktbezogen.de! Ansonsten lese ich die Blogs von einigen anderen Produktmenschen wie Marty Cagan oder Roman Pichler. Aber auch Webseiten wie Product Hunt oder Dribble eignen sich gut zum Stöbern. Ganz hilfreich ist für mich codecademy.com um die Grundlagen von Webprogrammierung zu lernen. Auch habe ich für mich podcast wie agilesproduktmanagement.de, rocketship.fm oder auch productish.com
Robert: Am meisten verlasse ich mich auf meine Erfahrung und mein Bauchgefühl, wenn ich die Zeit finde hole ich mir Rat von direkten Kollegen und Ex Kollegen. Aber produktbezogen.de ist in meinem RSS Reader auf Platz 1.

9. Und welchen Tipp würdest du jemandem geben der auch darüber nachdenkt PO zu werden?

Koin: Als PM muss man risikobereit sein und viel Eigeninitiative haben. Wenn man noch Student ist, könnte man sich ein kleines interdisziplinäres Team an der Uni suchen und mit einem eigenen Produktentwicklungs-Projekt starten und kreativ werden. Indem man selbst einen Prototypen entwickelt und mit Design Thinking iteriert, kann man in verschiedenen Bereichen praktische Erfahrungen sammeln. Design- und Entwicklungsgrundlagen sind auf jeden Fall Voraussetzung für einen PO – dafür würde ich Blogs und MOOCs empfehlen. Als PO ist meiner Meinung nach auch Leidenschaft für das, was das Produkt ausmacht grundlegend und ein Erfolgsfaktor. Deshalb geht es nicht nur darum, die verschiedenen Aspekte einer PM-Tätigkeit verstehen zu lernen, sondern auch ein Thema zu finden, für das man sich begeistert und in dem man Innovation schaffen möchte.
Thomas: Ich würde ihm oder ihr – besonders wenn man ein Quereinsteiger ist – ein Praktikum bei einem IT-Unternehmen empfehlen, um in die Produktwelt reinzuschnuppern. Dort kann man mit Sicherheit kleinere Projekte in einem Team übernehmen und sehen, ob einem die PO-Aufgaben liegen. Auch schadet es nicht, wenn man Grundkenntnisse in Webtechnologien hat oder das ein oder andere Buch zur (agilen) Produktentwicklung gelesen hat.
Robert: Ruhig bleiben, durch atmen, weiter machen! Zeit Management ist denke ich ein guter Tip, lernen Nein zu sagen, habe keine Probleme damit in Meetings zu sitzen. Man sollte seine eigene Meinung verteidigen können, aber auch einsichtig sein.

Schlussbemerkung

Koin, Thomas und Robert freuen sich über weitere Fragen zu ihren Erfahrungen als Produktmanager. Also liebe Leser: teilt eure Gedanken und Fragen über die Kommentarfunktion.

Ach und: gerne hätten wir euch auch Produktmanagerinnen präsentiert. Leider hat die Artikeldeadline den angesprochenen Damen das Leben etwas schwer gemacht und wir planen daher für Herbst eine Neuauflage dieses Formates mit weiblicher Beteiligung.

 

Fotocredit Koin Breyer: Kevin Kuhn

Fotocredit Thomas Kern: Tom Kamlah

Über Petra Wille

Petra Wille studierte Informationstechnik (Dipl.-Ing. (BA)) und war zuletzt, nach Stationen bei SAP, Hubert Burda Media und der XING AG bei der tolingo GmbH in Hamburg als „Managing Director“ tätig. Seit 2013 ist Petra Wille freiberufliche Produktmanagerin und arbeitet für Ihre Kunden an neuen Produktideen: immer mit agilen Projektmethoden und meist in internationalen, auch verteilten Entwicklungsteams. Außerdem berät und coacht sie Produktmanager und vermittelt Methoden und Handwerkszeug für ein professionelles, dynamisches Produktmanagement. Neben Ihrer freiberuflichen Tätigkeit ist Petra Wille begeisterte Kitesurferin und schreibt für produktbezogen.de

2 Kommentare

  1. Vishesh Joshi

    Grüße,

    Es ist hilfreich, die Erfahrungen von den (fast) neuen Produktmanagers lesen zu können, weil ich auch seit Nov-14 als PO zu arbeiten angefangen habe. Ich hatte keine Ahnung was ich davon erwarten muss, sondern habe eine Idee von meiner Peergroup gekriegt. Ich freue mich auch auf solche Artikels in Zukunft. Danke schön! 🙂

    v.g. Vishesh

  2. Petra Wille Artikelautor

    Hallo Vishesh,

    das freut mich, dass der Artikel dir gefallen hat!! So macht das Schreiben in der Zukunft doch gleich noch mehr Spaß.

    Liebe Grüße,
    Petra

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