Drei Interviews, drei Standpunkte: das erste Jahr als Produktmanager – Teil 2

Nachdem unser erster Artikel zum Thema „Das erste Jahr als Produktmanager“ so gut angekommen ist haben wir jetzt eine Neuauflage mit drei Kolleginnen gestartet. Es kommen also wieder einmal die zu Wort, die sich gerade auf den Weg gemacht haben um diese Rolle auszufüllen. Erneut finden sich spannende Einsichten und gute Tipps für alle Auf-, Um- und Einsteiger im Produktmanagement und vielleicht die Antwort auf die Frage: Wie wird man eigentlich Produktmanager oder Product Owner?

1. Stell dich bitte kurz ganz kurz selbst vor: wie heißt du und wo Arbeitest du im Moment?

Anja: Ich bin Anja und seit Anfang September als Produktmanager bei roomido tätig.
Heide: Moin, ich heiße Heide Peuckert und bin Product Lead bei der Njiuko GmbH in Hamburg.
Anna: Hallo, ich bin Anna, 27 Jahre alt und arbeite seid August als Produktmanager bei XING.

2. Wann und in welchem Zusammenhang hast du zum ersten Mal von dem Job „Produktmanager“ gehört?

Anja: Bei meiner vorherigen Stelle bei Yelp (vormals Qype) fing ich als QA-Manager an. Da war ich stets am Beginn eines Projekts beteiligt. Wir nannten meine Rolle auch intern „User Advokat“ und meine Aufgabe war es unter anderem bei allen anstehenden Änderungen und neuer Features darauf zu achten, dass es nicht nur funktioniert, sondern auch für den User gut bedienbar und gerne genutzt wird. So arbeitete ich immer sehr eng mit den PMs zusammen.
Heide: Ich habe zum ersten Mal 2008 während meines Auslandsstudiums in Finnland davon gehört. Wirklich in Berührung gekommen bin ich mit dem Produktmanagement allerdings erst ein paar Jahre später. Ich habe zu der Zeit im Startup Loftville als „Head of Everything“ viel mit Produkt, UX und Devs zusammengearbeitet.
Anna: Das ist ehrlich gesagt noch nicht besonders lange her. Nachdem ich Anfang diesen Jahres meine Diplomarbeit abgeben habe wusste ich noch gar nicht was ich als nächstes machen will oder kann. Aus diesem Grund habe ich bei mytaxi ein Praktikum im Produktmanagement gemacht – dabei wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht was mich da erwartet. Es war ein Sprung ins kalte Wasser.

3. Und dann dachtest du: „das könnte was für mich sein“?

Anja: Irgendwie war ich tatsächlich schon Teil des PM-Teams. Meine Arbeit fing allerdings erst an, wenn die Projekte und Produkte schon geplant waren.
Heide: Ich fand die Tätigkeiten eines Produktmanagers von Anfang an sehr spannend. Ich war schon immer überzeugter Generalist und habe gerne als Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Teams und Interessengruppen gearbeitet. Das kommt mir bei meiner Arbeit als Produktmanagerin sehr zugute.
Anna: Ja eigentlich war es genau so. Es hat mir einfach total Spaß gemacht.

4. Wie und wann bist du dann schlussendlich Produktmanager geworden?

Anja: Das lief irgendwie nahtlos. An einem Punkt konnte ich Urlaubsvertretungen für PMs übernehmen. Ich war immer bei Plannings und Estimations dabei und irgendwann wurde mir ein eigenes Produkt übergeben. Ab da wollte ich das dann immer so machen.
Heide: Ich war schon Produktmanagerin, bevor ich es selber realisiert habe! Bei Loftville war ich u.a. dafür zuständig Import und Bewertung von Wohnungsangeboten via APIs und Algorithmen aufzubauen und zu optimieren. Es hat keiner so genannt, aber es war Produktmanagement. Daraufhin habe ich mich konkret als Produktmanagerin bei Njiuko beworben und arbeite dort fest sein Anfang 2014.
Anna: Nachdem mein Praktikum bei mytaxi vorbei war, wollte ich unbedingt weiter als Produktmanager arbeiten. Als ich mitbekomme habe, dass bei XING eine Stelle frei wird, habe ich mich darauf beworben und wurde genommen – so einfach war das 🙂

5. Wie würdest du jetzt deine Rolle in einem Satz beschreiben? Was ist der Kern deiner Produktmanager-Tätigkeit?

Anja: Ich sorge dafür, dass das Produkt entsprechend der Unternehmensstrategie den richtigen Weg nimmt, plane sowohl kurzfristige als auch langfristige Maßnahmen und sorge dafür, dass sie – im besten Fall für alle Stakeholder zufriedenstellend, aber immer Userfokussiert – umgesetzt werden.
Heide: Ich bilde die Schnittstelle zwischen UI/UX, App/Web Development und Njiukos Kunden und stelle als „Anwältin“ der Nutzer sicher, dass in Einklang mit dem Markt, Zielen und Budget des Partners ein realisierbares und nutzbares Produkt entsteht, was den entscheidenden Mehrwert für den Nutzer liefert.
Anna: Als Produktmanager hat man eine klassische Schnittstellenfunktion. Die wichtigste Aufgabe ist dabei natürlich das vorantreiben des Produktes, was eine enge Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsteam voraussetzt. Genauso wichtig ist es aber auch sich stetig mit den unterschiedlichen Steakholdern abzustimmen. Gerade für diese Aufgabe ist ein sehr gutes Kommunikationstalent gefragt.

6. Was sind deine ganz alltäglichen Herausforderungen? Was nimmt am meisten deiner Zeit in Anspruch?

Anja: Tatsächlich besteht ein großer Teil aus Diskuttieren, Erklären, Verstehen, Kommunizieren. Gerne verlagere ich meinen Arbeitsplatz an einen ruhigen Ort, ohne Telefon und lasse mich nur in dringenden Fällen ansprechen. So kann ich in Ruhe an Konzepten und Spezifikationen arbeiten und den nächsten Sprint planen. Schön wäre es, einen Kollegen zu haben, der mich dabei unterstützt. Wir suchen gerade nach PMs *winkmitdemzaunpfahl*
Heide: Meine Aufgabe bei Njiuko ist in Zusammenarbeit mit Startups und etablierten Unternehmen Web- und Mobile Apps zu entwickeln und erfolgreich zu launchen. Kein eigenes Produkt am Markt zu haben, ist als PO sicher eine besondere Herausforderung. Ich bin viel im Austausch mit den Kunden und beschäftige mich intensiv mit vielen unterschiedlichen Domänen. Konkrete Aufgaben variieren je Projekt und sind sehr vielfältig und insofern herausfordernd, dass sie in anderen Unternehmen oft von mehreren Mitarbeitern übernommen werden. Grundsätzlich sind meine alltäglichen Arbeiten ähnlich wie bei anderen POs: Ich gestalte mit den Kunden den gesamten Produktentwicklungsprozess, berate bei Strategiedefinition, Marktausrichtung und Geschäftsmodell. Wurde dies vom Kunden bereits konkretisiert unterstütze ich bei der Ideenfindung und User Research, erstelle Benchmarks, Mood Boards, User Flows, Wireframes, und Roadmaps. Die Kunden von der Notwendigkeit von Designs und User Tests zu überzeugen ist da oft nicht einfach, aber essentiell da ich anschliessend für die Umsetzung verantwortlich bin. Dabei bin ich stark in der Steuerung der Developer involviert, mache Groomings, Sprintplannings, QA, Reviews, Retros, etc. und teste die Produkte mit Kunden und Usern. In Einzelfällen übernehme ich auch die Steuerung externer Dienstleister und Support-Anfragen. Die meiste Zeit verbringe ich mit der Koordination der Kunden und internen Teams.
Anna:  Die meiste Zeit meines Tages verbringe ich tatsächlich in Meetings und genau darin liegt auch die Herausforderung: Der Hauptfokus sollte immer auf der Weiterentwicklung des Produktes und der Zusammenarbeit mit den Entwicklern liegen, doch ist das manchmal schwer zu handeln.

7. Gibt es etwas, was du dir vorher anders vorgestellt hast?

Anja: Ja, vieles 🙂 Um nur eines anzusprechen: Die Überzeugungsarbeit, die man oft leisten muss, bis man schlussendlich zu einem Produktkonzept kommt, womit man selbst und alle Stakeholder zufrieden sind, ist manchmal recht ermüdend. Aber natürlich ist nicht jeder sofort komplett von deiner Idee der Umsetzung begeistert.
Heide: Mir war klar: Als Produktmanager ist man grundsätzlich für „alles“ verantwortlich! Soweit kein Problem. Was ich mir etwas anders vorgestellt hatte: Den Umfang von „alles“. Denn es schließt auch ein für andere mitzudenken und -egal welche- Dinge selber zu lösen, wenn es keinen direkten Verantwortlichen gibt. Da kommen die unerwartetsten Aufgaben auf einen zu: Speicherkarten aus Kameras von Hausdächern holen, Supercup-Spiele live tickern, kurzerhand für den App Designer einspringen oder Verkaufsgespräche mit Promis führen. Zudem bin ich vielfach mit neuen Aufgaben konfrontiert, da ich die erste Produktmanagerin bei Njiuko war und an sehr unterschiedlichen Projekten beteiligt bin. Ich hatte angenommen, dass Rolle und Aufgaben eines POs im allgemeinen klarer definiert sind, bin aber froh, dass ich in diesem Setup die Flexibilität habe Dinge auszuprobieren, zu lernen und zu verbessern.
Anna: Eigentlich nicht, ich hab ja im Grund Produktmanagement gemacht, bevor ich überhaupt wusste, dass man das so nennt. Von daher bin ich sehr zufrieden. Ich mag es, dass man als Produktmanager so viele unterschiedliche Aufgaben hat, dadurch wird einem niemals langweilig und wird immer wieder neu gefordert.

8. Gibt es Bücher, Blogs oder andere Quellen, die dir besonders bei der täglichen Arbeit helfen?

Anja: Ich kann da – abgesehen von produktbezogen natürlich – gar keine speziellen Quellen nennen. In PM-bezogenen Gruppen auf LinkedIn oder auf Twitter stoße ich aber immer wieder auf gute Artikel und Diskussionen. Gespräche mit befreundeten PMs und Leuten, die in der gleichen Branche arbeiten helfen mir eigentlich am meisten.
Heide: Ich lese gerne produktbezogen und Prioritised (wöchentlicher Newsletter der Mind the Product). Zudem besuche ich kleinere Veranstaltungen zu den Themen UX, Design Thinking, Grundlagen des Programmierens und Startups. Mir hilft es immer gute, innovative Produkten zu analysieren und davon zu lernen. Am Wichtigsten ist aber der Austausch mit anderen POs, UI/UXern und Devs.
Anna: Im Sommer habe ich mir einige der Vorträge der Mind the Product aus London angeguckt, das fand ich super interessant. Auch das Buch Hooked von Nir Eyal gehört wahrscheinlich zur Pflichtlektüre eines jeden Produktmanagers.

9. Und welchen Tipp würdest du jemandem geben der auch darüber nachdenkt PO zu werden?

Anja: Am besten hast Du bereits mit einem Entwicklerteam zusammengearbeitet. So lassen sich Projekte besser einschätzen. Verlasse dich bei Produktideen nicht alleine auf deinen Bauch, belege deine Maßnahmen mit Zahlen und Fakten aber sei auch bereit, eine Idee wieder fallen zu lassen, wenn sie nicht erfolgsversprechend ist. Und das gilt natürlich für jeden Job: es ist keine Schande nicht alles zu wissen und auch mal Fehler zu machen.
Heide: Man kann sich viel Wissen und „Soft Skills“ im Vorfeld aneignen, sei es durch ehrenamtliche Arbeit, Praktika, Freelancer Tätigkeiten oder kleinere Unternehmensprojekte. Im Job selber gilt: eigeninitiativ handeln, aus Nutzersicht denken und entscheiden, Risiken eingehen, Dinge ausprobieren, als Team arbeiten, Ego in die Ecke stellen, entspannen nicht vergessen, aus Fehlern lernen, geiles Produkt bauen, Nutzer glücklich machen 🙂 Also: Unbedingt PO werden statt nur darüber nachzudenken 🙂 !!!
Anna: Einfach ausprobieren – durch ein gezieltes Praktikum in einem kleineren Unternehmen bekommt man meiner Meinung nach am schnellsten einen Einblick in den Alltag eines POs und kann herausfinden, ob das der richtige Job für einen ist.

Schlussbemerkung

Anja, Heide und Anna freuen sich über weitere Fragen zu ihren Erfahrungen als Produktmanager. Also liebe Leser: teilt eure Gedanken und Fragen über die Kommentarfunktion.

Über Petra Wille

Petra Wille studierte Informationstechnik (Dipl.-Ing. (BA)) und war zuletzt, nach Stationen bei SAP, Hubert Burda Media und der XING AG bei der tolingo GmbH in Hamburg als „Managing Director“ tätig. Seit 2013 ist Petra Wille freiberufliche Produktmanagerin und arbeitet für Ihre Kunden an neuen Produktideen: immer mit agilen Projektmethoden und meist in internationalen, auch verteilten Entwicklungsteams. Außerdem berät und coacht sie Produktmanager und vermittelt Methoden und Handwerkszeug für ein professionelles, dynamisches Produktmanagement. Neben Ihrer freiberuflichen Tätigkeit ist Petra Wille begeisterte Kitesurferin und schreibt für produktbezogen.de

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