Was tun im neuen Job? 8 Tipps für Produktmanager, die eine neue Anstellung beginnen

Fängt man als Produktmanager einen neuen Job an, dann prasseln auf einen innerhalb der ersten Monate eine immense Menge an Informationen ein. All die neuen Gesichter und Namen, die man sich merken muss, die Struktur der Organisation, die Kultur im Unternehmen und allen voran die unterschiedlichsten fachlichen Informationen über das Produkt, die Technik uvm.

Damit man bei all den Informationen den Wald vor lauter Bäumen nicht aus den Augen verliert, hier eine Liste der Dinge, auf die man sich aus meiner Sicht als Produktmanager innerhalb des ersten Monats fokussieren sollte. Denn nur in den seltensten Fällen wird man wirklich (wie immer proklamiert) 3 Monate Zeit bekommen, um sich in den neuen Job einzuarbeiten. In den meisten Fällen stehen die ersten Entscheidungen, die man als Produktmanager treffen muss, schon nach wenigen Wochen an.

Die Unternehmensvision und -Mission

Einige Unternehmen bieten neuen Mitarbeiter Einführungstage oder -Wochen an, in denen die Mitarbeiter auf das Unternehmen und dessen Ziele eingeschworen werden. Als Teil dieser Einführungswochen werden dann meistens auch so etwas wie eine Unternehmensvision, eine Mission oder eine Unternehmensphilosophie bzw. Unternehmensprinzipien vorgestellt. Sollte dies der Fall sein, hat man zumindest schon mal eine grobe Orientierung, wohin die Reise gehen soll.

Kleinere Unternehmen haben eine solche Vision oder Philosophie aber vielleicht noch nicht erarbeitet oder zumindest nicht explizit definiert. Daher fragt euren Manager oder wenn möglich gleich den Gründer oder Geschäftsführer, was die Vision des Unternehmens ist und auf welches größere Ziel man eigentlich hin arbeitet.

Fehlt eine klare Vision, so wird es schwierig, denn alles leitet sich letztlich aus der Vision ab. Die Folge sind unklare Prioritäten, eine unklare oder gar widersprüchliche Strategie und damit umeffizientes und frustriertes Arbeiten.

Sollte dem so sein, dann fragt (bzw. nervt) so lange, bis die Geschäftsführung eine klare Vision präsentieren kann. Oder werdet wenn möglich selbst aktiv: unterstützt bei der Visionsfindung oder erarbeitet die Vision zusammen mit der Geschäftsführung. Gerade in kleineren Unternehmen sollte dies (je nach Typ und Offenheit der Geschäftsführung) möglich sein.

Die Strategie

Habt ihr Vision und Mission des Unternehmens – also das große und meist noch ferne Zielbild – kennengelernt, müsst ihr herausfinden und verstehen, wie das Unternehmen und damit auch ihr in eurem Job dort hin gelangen könnt. Sprecht hierzu mit eurem Manager und wenn möglich mit der Geschäftsführung, wie die allgemeine Strategie des Unternehmens und die Strategie für euer Produkt im Speziellen aussehen.

Auch hier wieder: gibt es keine Strategie, so fehlt eine wichtige Grundlage dafür, welchen Dingen ihr euch (und auch alle anderen Teams und Abteilungen) mit welcher Priorität widmen solltet. Die Folge kann der Fokus auf die falschen Dinge und abteilungs-übergreifend auch das Ziehen in entgegengesetzte Richtungen am Strang sein.

Zumindest für die Produktstrategie seid ihr als Produktmanager maßgeblich verantwortlich. Also ergreift die Initiative und klärt mit dem Management die Unternehmensziele, die Strategie und damit zusammenhängend die Prioritäten. Diese werden die wichtigste Voraussetzung dafür sein, dass ihr in den darauffolgenden Monaten zu einer sinnvollen (weil auf die Unternehmensziele hin fokussierten) Product-Roadmap gelangen könnt.

Die KPIs und Daten

Aus der Unternehmens- und / oder Produktstrategie sollten sich mehr oder weniger einfach Key Performance Indicators (KPIs) ableiten lassen, anhand derer sich ermitteln lässt, wie der Stand der Dinge ist. Bringt innerhalb des ersten Monats in Erfahrung, auf welche KPIs hin ihr euer Produkt weiterentwickeln sollt und wo diese KPIs derzeit liegen. Als Produktmanager für einen Online-Shop könnten dies die Conversion-Rate (CR), die Wiederkauf-Rate oder ähnliche Daten sein; bei einem sozialen Dienst sind dies vielleicht die Anzahl der (aktiven) Mitglieder o.ä.

Schaut euch aber nicht nur die übergreifenden KPIs an, sondern prüft auch andere Metriken wie Nutzungsraten einzelner Funktionen und auch Funnels (z.B. den Registrierungs- oder Kaufprozess). Dies sind vielleicht nicht unbedingt die Zahlen, die ihr euch regelmäßig reporten lassen müsst, aber vielleicht entdeckt ihr hierüber Problemstellen im Produkt, denen ihr euch zukünftig widmen könnt und die ihr optimieren solltet.

Wie auch bei den ersten beiden Punkten gilt: gibt es noch keine klar definierten KPIs oder erkennt ihr, dass die bisher betrachteten KPIs nicht für die Steuerung eures Produktes hilfreich sind (z.B. weil es nur Vanity-Metriken sind), dann ergreift die Initiative, besprecht die KPIs mit eurem Management oder sucht euch die KPIs heraus, die für euch und die Weiterentwicklung eures Produktes relevant sind.

Die Kunden und Nutzer

Etwas, dass euer Unternehmen und Produkt hoffentlich schon hat, wenn ihr dort euren neuen Job als Produktmanager beginnt, sind Kunden und Nutzer. Innerhalb eures ersten Monats im neuen Job solltet ihr unbedingt näher herausfinden, wer diese Kunden und Nutzer sind, welche Probleme und Bedürfnisse diese haben und wo ihnen euer Produkt bisher schon hilft. Die Möglichkeiten hierzu sind vielfältig.

Gibt es in eurem Unternehmen einen Customer Support? Wenn ja, sprecht mit den entsprechenden Kollegen und lasst euch von diesen erklären, welche Kundentypen es gibt, wie diese Typen so ticken und welche Probleme diese haben wenn sie sich an den Support wenden. Klinkt euch in einige der Support-Telefonate mit rein (z.B. über die Mithör-Funktion) oder führt selber ein paar Telefonate mit Kunden (eine kurze Einführung natürlich vorausgesetzt, ihr wollt den Kunden am Telefon ja auch helfen können).

Testet eurer Produkt mit (potentiellen) Nutzern, indem ihr euch einige davon einladet oder zu diesen an den Ort der Nutzung (zu Hause, im Büro, etc.) fahrt. Sich anzuschauen, wie echte Nutzer das Produkt nutzen ist viel hilfreicher und aussagekräftiger, als sich das Produkt von einem Kollegen vorführen zu lassen oder es selbst auszuprobieren. Als Bonus erhält man nach nur wenigen User-Tests eine lange Liste an Optimierungsmöglichkeiten, auf die man selber wahrscheinlich nicht oder nur zum Teil gekommen wäre.

Haltet die Erkenntnisse, die ihr über die Kunden und Nutzer erlangt, für euch und eure Kollegen fest. Ihr müsst dazu nicht schon im ersten Monat völlig ausgefeilte und repräsentative Personas erstellen; eine grobe Skizzierung und Beschreibung der unterschiedlichen Typen mit ihren Problemen und Bedürfnissen genügen. Weiter ausarbeiten könnt ihr diese zunächst pragmatischen Personas im Laufe der Zeit immer noch.

Die Prozesse

Neben der großen strategischen Themen und Nah-Nutzer-Erfahrung solltet ihr innerhalb des ersten Monats auch herausfinden, wie eigentlich das Unternehmen, die Arbeitsabläufe und die Prozesse abteilungs-übergreifend und innerhalb eures Teams funktionieren. Die Liste möglicher Prozesse ist sicherlich sehr lang und hängt natürlich stark vom jeweiligen Unternehmen ab. Daher gebe ich im Folgenden nur ein paar Anregungen, was ihr euch alles anschauen könntet:

  • Wie werden bisher neue Anforderungen aufgenommen? Gibt es jemanden, der Ideen und Anforderungen zentral sammelt und managt? In welcher Form werden Anforderungen aufgenommen? Wie wird mit diesen weiter gearbeitet? Als Produktmanager solltet ihr künftig zentral dafür (mit) verantwortlich sein, Anforderungen aufzunehmen und diese zur Umsetzung zu bringen.
  • Wie werden neue Konzepte entwickelt und evaluiert? Wer ist hierfür verantwortlich? Gibt es ein UX-Team oder entsprechende Kollegen? Werden für Ideen zunächst Prototypen entwickelt? Werden diese mit Nutzern getestet? Gibt es so etwas wie eine Product Discovery? Als Produktmanager seid ihr dafür Verantwortlich, dass in das Produkt nur neue Ideen aufgenommen werden, die auch Mehrwert-stiftend sind. Also schaut, dass für neue Konzepte künftig eine Product Discovery durchgeführt wird.
  • Wie erfolgt die Produktentwicklung? Arbeitet das Team agil, z.B. nach Scrum oder Kanban, oder vielleicht sogar lean? Oder kommen noch eher traditionelle Produkt- und Projektmanagement-Prozesse zum Einsatz? (Wenn ja, regt doch mal die agile Entwicklung an 😉 ).
  • Wann, wie und wie häufig werden neue Funktionen released? Gibt es noch lange Release-Zyklen oder arbeitet das Team mit Continuous Deployment, kann also jederzeit und ohne großen Overhead releasen? Sprecht mit den Entwicklern oder dem Leiter der Entwicklung, wie die Release-Zyklen verkürzt werden kann, sodass neue Funktionen so schnell wie möglich an den Nutzer gebracht werden und unter Live-Bedingungen genutzt werden können.
  • Wie erfolgt die  Zusammenarbeit mit Marketing und Vertrieb? Sollen euer Produkt oder neue Features vermarktet und verkauft werden, so benötigen die entsprechenden Kollegen ausreichend Vorlauf, um dies vorbereiten zu können. Findet heraus, wie die Abstimmungen hier laufen, wie lange Vorlaufzeiten sind, etc.

Dies wie gesagt als Anregung. Am besten, ihr fragt hierzu einfach eure Kollegen, diese werden sicherlich am besten wissen, welche Prozesse es bereits gibt – und wo vielleicht auch noch etwas Struktur und Prozess fehlt.

Das Produkt

Wie bereits weiter oben beschrieben, gibt es keine bessere Möglichkeit ein Produkt kennenzulernen, als durch die Augen der (potentiellen) Nutzer! Aber darüber hinaus solltet ihr euch natürlich auch das Produkt, für welches ihr künftig verantwortlich sein sollt, intensivst anschauen und es euch idealer Weise durch die Kollegen, die dafür bisher verantwortlich waren, vorstellen lassen.

Schaut euch alle Seiten, Funktionen und Elemente an, immer aus Nutzersicht und den relevanten Nutzungsszenarien. Versucht zu verstehen, welchen Sinn und Mehrwert die Funktionen und Informationen (für die Zielgruppe) haben oder haben sollten. Lasst euch erklären, warum die jeweiligen Funktionen und Informationen integriert wurden und ob es Indizien dafür gibt, dass sie auch wirklich einen Mehrwert bieten.

Lasst euch euer Produkt unter allen möglichen Bedingungen (z.B. eingeloggt, nicht eingeloggt, als Erst-Nutzer, als Dauernutzer, mit viel und wenig Aktivität etc.) vorführen. Schaut euch auch den Administrations-Bereich (falls vorhanden) an. Prüft euer Produkt auf unterschiedlichen Geräten (Websites beispielsweise auf auch auf Tablet und Smartphone) an und schaut euch auch eventuell vorhandene Apps an.

Künftig werdet ihr verantwortlich sein für das entsprechende Produkt, also solltet ihr es schnellstmöglich wie eure Westentasche kennen lernen… denn nur wenn ihr alle Rahmenbedingungen kennt, lassen sich sinnvolle Produktentscheidungen für die Weiterentwicklung treffen!

Die Wettbewerber

Ich bin kein großer Freund vom Klonen oder Kopieren von Funktionen der Wettbewerber. Zum einen weiß man nie, ob diese Funktionen beim Wettbewerb wirklich funktionieren und genutzt werden. Zum anderen sollte man sich meiner Meinung nach auf die Bedürfnisse der eigenen Nutzer konzentrieren und für diese die idealen Features entwickeln – die nicht zwangsläufig wie die des Wettbewerbs aussehen und funktionieren sollten.

Das gesagt halte ich es trotzdem für wichtig, die relevanten Wettbewerber zu kennen und sich diese im ersten Monat und auch danach immer mal wieder anzuschauen. Denn zum Einen lässt sich aus der Wettbewerbsbeobachtung ableiten, welche strategischen Schritte ein Konkurrent gehen mag, zum anderen kann man sich durchaus auch Anregungen holen, was noch alles möglich ist – nur eben stumpf kopieren sollte man nicht, sondern immer die eigenen Nutzer im Fokus haben.

Das Team, die Kollegen und die Kultur

Last but not Least. Natürlich werden die Kollegen mit das Erste sein, was man in einem neuen Unternehmen und im neuen Job kennen lernt. Trotzdem möchte ich abschließend anregen, dass ihr versucht, euch innerhalb des ersten Monats mit so vielen der Kollegen wie möglich bekannt zu machen (gibt es eigentlich eine App, die einem dabei hilft, sich all die Namen und Gesichter zu merken??? 😉 ).

Macht einzelne Termine mit den verschiedenen Personen oder geht mit ihnen zusammen Mittag essen. Lasst euch erklären, was die jeweiligen Kollegen machen und wie ihr als Produktmanager ihnen den Arbeitsalltag erleichtern könnt – als Produktmanager bestimmt schließlich ihr, welche Funktionen (auch interne) wann umgesetzt werden.

Versucht durch die Kollegen auch herauszufinden, wie das Team und das Unternehmen ticken. Wer trifft die Entscheidungen, wer hängt wie mit wem zusammen und kommt wie gut mit wem zurecht. Natürlich wollt ihr nicht gleich jeden Gossip erfahren, aber häufig helfen solche Informationen, den Zusammenhang besser zu verstehen… oder so manchen Fettnäpfchen zu umgehen.

Zur Kultur könnt ihr die Kollegen natürlich auch befragen, einiges davon „erspürt“ man im ersten Monat aber auch so. Wie offen wird kommuniziert? Wie ist der Umgangston? Herrschen strenge Hierarchien oder arbeiten alle gleichwertig zusammen?

Wie sind eure Erfahrungen, worauf sollte ein Produktmanager innerhalb des ersten Monats im neuen Job achten?

Die oben vorgestellten Punkte sind Anregungen, basierend auf den Erfahrungen meiner bisherigen Jobs. Sicherlich ist die Liste nicht vollständig und es gibt viel mehr, auf das man achten sollte.

Daher würde mich interessieren, welchen Dingen ihr euch innerhalb des ersten Monats in einem neuen Job gewidmet habt – oder vielleicht auch nicht, aber die euch später dann gefehlt haben. Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

Über Rainer Gibbert

Rainer ist Produktmanager mit großer Begeisterung für gute, Kunden-orientierte und wirtschaftlich erfolgreiche Produkte. Derzeit leitet er bei der Star Finanz GmbH in Hamburg das Produktmanagement. Zuvor war Rainer u.a. bei REBELLE als Head of Product, bei Fielmann Ventures als Senior Produktmanager sowie bei OTTO als Produktmanager im E-Commerce Innovation Center tätig und leitete das User Insights Team bei der XING AG.

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